Letzte Woche im Artikel Kennzahlenanalyse Teil 1, bin ich bereits auf die wichtigsten Kennzahlen die sich aus der Gewinn- und Verlustrechnung ableiten lassen, sowie die Rentabilitätskennzahlen eingegangen. In dieser Woche soll es insbesondere um die Working-Capital- und die Cash-Flow-Analyse gehen. Um die Formeln kompakt und anschaulich darzustellen, befindet sich im Artikel auch wieder eine kleine Formelsammlung als Grafik.

 

Was ist überhaupt das Working Capital und was ist das Net Working Capital?

Das Working Capital heißt im Deutschen „Umlaufvermögen“, und das Net Working Capital (NWC) entsprechend „Nettoumlaufvermögen“. Das Umlaufvermögen beinhaltet Vermögensgegenstände, die im Rahmen des Betriebsprozesses umgesetzt werden sollen, deren Bestand sich also durch Zu- und Abgänge häuft ändert, Vorräte zum Beispiel. Vermögen, das sich dauerhaft im Betrieb befindet, wird hingegen dem Anlagevermögen zugerechnet. Das NWC zeigt den (Netto-) Finanzierungsbedarf an, der für die Finanzierung kurzfristiger Aktiva (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und Vorräte) benötigt wird (Berechnung, siehe Grafik 1). Ist das NWC negativ, heißt das Lieferanten finanzieren zunächst die Umsätze. Dazu ein kurzes zahlenfreies Beispiel:

Ein Automechaniker muss einen Stoßdämpfer am Fahrzeug eines Kunden austauschen. Also bestellt er den Stoßdämpfer. Er bezahlt den Stoßdämpfer beim Lieferanten aber erst, nachdem die Reparatur erfolgt ist, und der Endkunde bezahlt hat. Somit hat der Lieferant den Umsatz vorfinanziert.

 

Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (LuL), Vorräte und Verbindlichkeiten aus LuL bieten unterschiedlichste Möglichkeiten zur Optimierung des NWC wie zum Beispiel eine Beschleunigung in der Rechnungsstellung, die Reduktion von Lagerbeständen (Just-in-Time Fertigung) oder die Erhöhung der Zahlungsfristen an Lieferanten.

 

Die wichtigste Kennzahl zum NWC ist die der Effizienz. Sie zeigt an, wie das NWC bewirtschaftet wird und lässt sich berechnen, in dem man das NWC durch die Gesamtleistung des Unternehmens teilt. [1. Vgl. hierzu A. Crone: Krisendiagnose und Kennzahlen. In: A. Crone, H. Werner (Hrsg.): Modernes Sanierungsmanagement. 3. Auflage. München 2012, S. 53ff.]

Kennzahlen zum NWC und zur Liquidität

Die Kennzahlen zur Liquidität

Zunächst einmal wird zwischen der Liquidität des ersten, zweiten und dritten Grades (L1G, L2G, L3G) unterschieden.[2. Vgl. A. Crone, a.a.O., S. 55f.] Die Liquidität ersten Grades wird auch Barliquidität genannt. Sie wird berechnet indem man die Liquiden Mittel durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten teilt und mit 100 multipliziert (siehe Grafik 1). Diese Formel beschreibt das Verhältnis der liquiden Mittel gegenüber den kurzfristigen Verbindlichkeiten, dass zirka 1:5 betragen sollte. Dieses Verhältnis ist allerdings nur ein Richtwert, der je nach Unternehmen und Branche variieren kann. Die liquiden Mittel setzen sich aus Kasse, Bankguthaben und Schecks zusammen; kurzfristige Verbindlichkeiten sind solche, bei denen die Restlaufzeit ein Jahr oder weniger beträgt. Diese Kennzahl wird auch „absolute liquidity ratio“ genannt.

 

Betrachten wir nun die Liquidität zweiten Grades, auch Quick Ratio (QR) oder auch einzugsbedingte Liquidität genannt. Diese Kennzahl ergibt sich durch die Division der Liquiden Mittel + kurzfristige Forderungen durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten und eine anschließende Multiplikation mit 100 (sie Grafik 1). Diese Kennzahl beschreibt den Deckungsgrad der kurzfristigen Verbindlichkeiten durch die liquiden Mittel und kurzfristigen Forderungen. Analog zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten entsprechen die kurzfristigen Forderungen den Forderungen mit einer Restlaufzeit von einem Jahr oder weniger.

 

Man sollte allerdings bedenken, dass sowohl die Barliquidität, als auch die einzugsbedingte Liquidität nur bedingt aussagekräftige Kennzahlen darstellen, da sie zu einem bestimmten Stichtag berechnet werden und nur ein Teil der Verbindlichkeiten zu diesem Stichtag fällig sind. Das ist auch ein Grund, warum empfohlene Verhältnisse niemals als starres Vorbild zu betrachten sind. Auch wenn das Verhältnis der Barliquidität bei 1:5 liegt, kann ein Unternehmen schon nicht mehr liquide sein.

 

Die Liquidität dritten Grades [Current Ratio (CR)] zeigt, welcher Anteil der kurzfristigen Verbindlichkeiten durch das Umlaufvermögen gedeckt ist. Das Umlaufvermögen setzt sich aus liquiden Mitteln, Forderungen und Vorräten zusammen. Die Liquidität dritten Grades wird berechnet, indem man das Umlaufvermögen durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten teilt und wiederum mit 100 multipliziert.

 

Die Cash-Flow-Analyse

Jeder Unternehmer sollte wissen, was der Cash-Flow ist. Der Cash-Flow ist eine der wichtigsten Kennzahlen, sie zeigt die Zahlungskraft und das Innenfinanzierungspotenzial eines Unternehmens an. Der Cash-Flow entspricht dem Saldo zwischen Ein- und Auszahlungen in einer bestimmten Periode. Er setzt sich aus drei Teilbereichen zusammen, deren Summe den Veränderungen des Finanzmittelfonds eines Unternehmens entspricht.

  • Operativer Cash-Flow: Zahlungsüberschuss aus (laufendem) Geschäftsbetrieb
  • Investitions-Cash-Flow: Mittelabfluss der Investitionen minus Zuflüsse durch Devestitionen
  • Finanzierungs-Cash-Flow: Saldo aus Mittelzufluss bzw. -abfluss durch Außenfinanzierung

Der Free-Cash-Flow ergibt sich in dem man den Investitions-Cash-Flow vom Operativen Cash-Flow subtrahiert und entspricht letztendlich dem frei verfügbaren Cash-Flow. Die Kennzahl für den Cash-Flow lässt sich direkt und indirekt berechnen. Der Jahresüberschuss wird um Abschreibungen und Veränderungen der Rückstellungen korrigiert und ergibt letztendlich den operativen Cash-Flow.

 

ACHTUNG! Die Kennzahl für den Cash-Flow ist nicht gleich dem Cash-Flow der Kapitalflussrechnung. Die Kapitalflussrechnung betrachtet alle Zahlungsströme im Detail und benötigt interne Informationen, während die Cash-Flow Kennzahl auch im Rahmen einer externen Analyse ermittelt werden kann.

 

Noch in dieser Woche werde ich den vorerst letzten Artikel zur Kennzahlenanalyse schreiben, der sich dann mit der Finanz- bzw. Bilanzanalyse beschäftigt und noch einmal auf ein paar weitere wichtige Kennzahlen eingeht. Damit wäre die Kennzahlenanalyse dann auch endlich abgehakt. Das Thema ist nicht gerade trivial, die Aussagekraft der Kennzahlen wird von vielen Unternehmern aber deutlich unterschätzt, wobei es das auch nicht richtig trifft. Vielleicht  lässt es sich so zweckmäßiger sagen: Es gibt Unternehmer, die die Aussagekraft der Kennzahlen in Krisenzeiten nicht wahrhaben wollen. Daher hoffe ich, dass ich mit diesen Artikeln einen Beitrag zum Verständnis im Bezug auf die Zusammensetzung von Kennzahlen liefern konnte.

 

Quellen: