Kann man eine industrielle Revolution ausrufen? Geht es bei der Entwicklung „Industrie 4.0“ überhaupt um eine industrielle Revolution im klassischen Sinne? Und wenn man sie schon ausruft und zur Initiative macht, fördert es die Entwicklung dann auch tatsächlich? Um den Begriff „Industrie 4.0“ sammelt sich eine Menge Kritik. Die betrifft sowohl die Wahl des Begriffes, als auch die Klassifikation als industrielle Revolution und den Nutzen der von der Regierung gegründeten Initiative zur Förderung und Realisierung von Industrie 4.0. Stellen wie Begriff und Initiative also für einen Artikel auf den Prüfstand.

Eine industrielle Revolution im Informationszeitalter

Irgendwann muss man im Bundesministerium für Bildung und Forschung gemerkt haben, dass diese Sache mit dem Internet noch weiter geht als bisher. Dass Vernetzung bald schon nichts mehr mit der Frage nach dem internetfähigen Geschäftstelefon zu tun hat, wenn Google bereits Autos ohne Fahrer durch die Straßen von L.A. „cruisen“ lässt. Und dass dies auch für Deutschland als „Industriestandort“ Konsequenzen haben wird. Dann hat man getan, was in der Politik immer getan wird, wenn eine vage Vorahnung da ist, dass etwas passieren muss: man gründet einen Arbeitskreis.

Dieser Arbeitskreis hat die Entwicklung hin zum Internet of Things und den sich aus Vernetzung und Datensammlung ergebenden Veränderungen für die Geschäftswelt als vierte, industrielle Revolution enttarnt. Da lag der Begriff nahe: Industrie 4.0. Nur befinden wir uns erstens im Informationszeitalter, dem offiziellen Nachfolger des Industriezeitalters, zweitens dominiert in Deutschland dementsprechend auch gar nicht der Industrie-, sondern der Dienstleistungssektor.

Und genau an dieser Schnittstelle liegt das Problem, denn die Konsequenzen von Industrie 4.0 beschränken sich nicht auf den Industriesektor. Sie gelten für den Dienstleistungssektor und die Landwirtschaft ebenfalls. Warum das so ist? Weil der Kern der Entwicklung eine völlig neue Art von Informationsarchitektur ist, die IT(-Dienstleistungen) mit industrieller Produktion verknüpft und eben keine rein industrielle Evo- oder Revolution darstellt. In diesem Sinne hat Wolf Lotter völlig Recht, wenn er in der brand eins schreibt: „Wären wir wirklich auf das, was es ist, vorbereitet, müsste man das Ding beim Namen nennen: Wissen 1.0.“

Die „IT-Lücke“ wird ausgeklammert

Nun setzt sich diese begriffliche Einschränkung auch in der Arbeit der Initiative fort, die sich sehr stark auf die Etablierung der „Smart Factory“ konzentriert. Dabei ist nicht nur die Einschränkung ein Problem, man lässt gleichzeitig größtenteils unberücksichtigt, dass viele Unternehmen (gerade im Mittelstand) in Sachen IT und Digitalisierung noch gewaltig aufholen müssen.

Überspitzt gesagt: man diskutiert über intelligente, vernetzte und sich selbst steuernde Maschinen – während die Mitarbeiter ihren Arbeitstag mancherorts noch mit der Lochkarte in der Hand beginnen. Es könnte hier auch von einer „IT-Lücke“ gesprochen werden, die zunächst geschlossen werden muss, um überhaupt die Grundvoraussetzungen für die Industrie 4.0 zu schaffen.

Erste Hälfte Industrie 4.0: Offiziell gescheitert

Zu Beginn letzten Jahres äußerte sich Reinhard Clemens, Telekom-Vorstand und CEO von T-Systems folgendermaßen zur Initiative Industrie 4.0: „Den ersten Teil des Spiels haben wir verloren, wir müssen uns jetzt in der zweiten Halbzeit besser positionieren.“ Ins gleiche Horn stieß Franz Gruber, Chef des IT-Dienstleisters Forcam. Arbeitsgruppen- und Gremienarbeit funktioniere, aber in Sachen Umsetzung gebe es keine nennenswerten Fortschritte. Und das obwohl Deutschland in Sachen Produktions- und Fertigungstechnik zu den stärksten Standorten weltweit gehört.

In den USA gibt es das „Industrial Internet Consortium“, ein Zusammenschluss großer Unternehmen, die gemeinsam an der Umsetzung von dem arbeiten, was wir hierzulande als Industrie 4.0 bezeichnen (es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um einen internationalen Begriff). Das IIC wurde von AT&T, Cisco, General Electric, IBM, und Intel gegründet – und die schreiten in der Entwicklung massiv voran, während Deutschland mit seine Unternehmen zuschauen.

Kooperativ in die Zukunft

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Die Pressemeldung zur Kooperation zwischen I4.0 und IIC enthält folgende Grafik. Da schließt sich die Frage an: Warum kümmert sich I4.0 nur um Fertigung und überlässt den Rest der IIC? Bild: © Robert Bosch GmbH

Doch man muss auch nicht alles schwarzmalen. Seit letzter Woche gibt es ernsthafte Neuigkeiten: „Plattform Industrie 4.0 und das Industrial Internet Consortium vereinbaren Kooperation“, heißt es in der jüngsten Pressemeldung der Plattform Industrie 4.0. Damit ist ein erster Schritt getan, sofern man nicht innerhalb der Kooperation als Zuschauer oder als Trittbrettfahrer verharrt. Trotzdem: ein Segen für die Einrichtung internationaler Standards, ohne die Industrie 4.0 nie zu voller Reife kommen könnte.

Trotz aller Kritik an Industrie 4.0: die letztendlichen Entwicklungen, die der Begriff beschreibt, werden eintreten – wahrscheinlich in noch größerem Maße als beschrieben. Die Frage ist nur, ob Deutschland die Entwicklung diktiert bekommen wird – wie in den 90ern die Einbindung des Internets – oder selbst mitgestaltet. Ich persönlich, wäre für letzteres.