Am vergangenen Montag dieser Woche fand in Hamburg der Trauergottesdienst für den verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt statt. Mit einem wehmütigen und nüchtern gehaltenen Staatsakt hat sich unser Land von einer ihrer größten Führungspersönlichkeiten verabschiedet. Helmut Schmidt gehört zu den wenigen großen deutschen Staatsmännern, auf die wir Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg stolz sein konnten. Er gab vielen Menschen – besonders auch in schwierigen Situationen –  realistische Orientierung, ohne sich idealistischen Visionen hinzugeben. Auch für mich war und bleibt Helmut Schmidt eine besondere Persönlichkeit, mit wirklich herausragenden Führungseigenschaften, die ich im Folgenden nun ein wenig mehr beleuchten werde. 

Sein Selbstverständnis

Für Helmut Schmidt war das Wichtigste im Leben, sich Aufgaben zu stellen, diese Aufgaben zu begreifen, und danach zu streben, die verstandenen Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Das war und ist das Selbstverständnis eines wirklich pflichtbewussten Machers, einer Führungspersönlichkeit mit Ecken und Kanten – und vor allem von jemand, der Mut zur Führung besaß. Dabei setzte er stets auf die Vernunft – auch und besonders in Zeiten, in der das Zerbröseln des gesellschaftlichen Konsenses Führung immer schwieriger werden ließ. Aber er war in seinem Denken und Handeln auch klaren moralischen Prinzipien verpflichtet, dass er sich keinen Vorwürfen aussetzen musste, aufgrund eines unanständigen Verhaltens. Das war seine Leitlinie.

Helmut Schmidt © huffingtonpost
Helmut Schmidt © huffingtonpost

 

Seine Fundamente

Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte ich während meines Studiums in Hamburg einmal die Möglichkeit, an einem unmittelbaren Gedankenaustausch mit Helmut Schmidt teilzunehmen. Dabei faszinierten mich sein Mut zur Führung auch in extremen Situaionen, seine Gedanken zur intelligenten und widerstandsfähigen Staatsführung, die zumeist auf den philosophischen Grundlehren seiner Lieblingsdenker – hier vor allem der römische Feldherr Marc Aurel, Immanuel Kant, Max Weber und Karl Raimund Popper – fußte.

Diese Kombination, insbesondere die Lehren von Marc Aurel und diejenigen von Popper, klingen erst einmal wie ein Missverständnis. Denn diese beiden Philosophen verbindet eigentlich rein gar nichts – der eine ein römischer Monarchist, der andere eine freiheitsliebender Demokrat. Schmidt führte damals so sinngemäß aus, dass er Popper vor allem die rationale Begründung für seine instinktiven Abneigungen gegen jede Form politischer Utopien und Visionen verdanke. Ironischer Weise stand Helmut Schmidt aber auch einem entfesselten Kapitalismus ähnlich kritisch gegenüber. Für ihn war daher klar, dass Politik natürlich auch aus „Try + Error“ besteht und daher nicht auf die Förderung von Glück sondern auf die Vermeidung von Leid abzielt.

Demgegenüber wusste Helmut Schmidt aber auch, dass Poppers Utopiekritik und die darin enthaltende philosophische Substanz kaum Antworten auf die politischen Fragen des echten Lebens gab. Bei ethischen Fragen nach dem was und warum des eigenen Handelns verließ er sich daher auf die strenge Tugendlehre aus den Selbstbetrachtungen des Marc Aurels. Für den äußerst pflichtorientierten Menschen Helmut Schmidt bildete dieser Stoiker mit seinen Maximen und Reflexionen – insbesondere für das nüchterne und souveräne Handeln – den Rahmen seiner eigenen Überzeugungen. Für Helmut Schmidt bedeutete dies vor allem ein gerechtes Leben in Unabhängigkeit und Demut aus einer Furchtlosigkeit heraus in Ehren zu leben und zu sterben. Ein ziemlich elitärer Anspruch, mit dem Helmut Schmidt aber auch klare „Kante“ zeigte.

 

Seine Lehrjahre

Der Zweite Weltkrieg prägte Helmut Schmidt als Soldat und Offizier so wie keine andere Zeit. Allerdings litt er dann sein ganzes Leben daran, dass er sich so wie viele andere Deutsche von den Nazis verblenden lies und die Gräueltaten zu spät erkannt hatte. Diese demütigende Erfahrung ließ den Menschen Helmut Schmidt zu dem werden, der er war. In der Gefangenschaft lernte er dann von einem anderen älteren Offizier die Bedeutung der Sozialdemokratie kennen – und war sich von da an sicher, den Wert von Solidarität richtig einschätzen zu können.

Aber nicht der Kommando-Ton des Militärs prägte ihn, sondern vielmehr das überaus rasche und stringente Begreifen unterschiedlicher Aufgaben in existentiellen Situationen. Dadurch lernte er „Mut zur Führung quasi von der Pike auf“ – mit allen unterschiedlichen Facetten. Dabei entwickelte Helmut Schmidt einen sehr hohen Respekt für diejenigen Exilanten, die aufgrund der Opposition zu Hitler Deutschland verlassen hatten. Damit wirkte er stets aussöhnend auf die Nachkriegsgesellschaft.

Demgegenüber sah Helmut Schmidt dann aber auch in den jungen APO-Protestieren und Friedensaktivisten der späten 60er-Jahre genauso „Verführbare und Verführte“, wie er selbst 30 Jahre vorher. Das beunruhigte und beruhigte ihn gleichermaßen, da er seine eigene Jugend reflektiert sah.

Anders als viele andere seiner Generation fand er aber sehr deutliche Worte zur Unvergänglichkeit der deutschen Vergangenheit. Seine Rede im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1977 macht dies mehr als deutlich.

Rede Kanzler Schmidt im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1977
Rede Kanzler Schmidt im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1977

Für Helmut Schmidt war klar: Die Deutschen sollten nie wieder nach autonomer „Führung“ streben, sondern dies sollte nur noch im Einklang mit dem europäischen Gedanken erfolgen und dabei jedem deutschnationalen Gehabe abschwören. Gunter Hofmann sieht im Handelsblatt (Nr. 218/ 2015, S. 12) Schmidts Lehrjahre als Offizier u.a. auch als Verführung etwas Falschem gedient zu haben, und Schmidts späteres Leben als den Versuch, das künftig nie mehr mitzumachen.

 

Seine Vernunft

Wie jeder andere Bürger auch, wollte Helmut Schmidt stets nur seine Meinung sagen – und das zumeist sehr schnörkellos. Vernunft – das war für ihn dabei das Schlüsselwort. Viele Politikredakteure der Zeit, die mit ihm über Jahrzehnte an der jeweils freitagsmittags stattfindenden Politiksitzung teilnahmen. Für ihn war klar, dass in einer unübersichtlichen und unvernünftigen Welt es die Aufgabe der Klugen und Weisen ist, für Übersicht und Vernunft zu sorgen. An die Redakteure appellierte er immer wieder: Ihr sollt keine Besinnungsaufsätze schreiben sondern für Eure Leser kühl aufklären und dadurch Orientierung geben. Voraussetzung dafür war es, zuvor so rational wie möglich zu analysieren, ehe man eine Bewertung abgab, einen Rat gab oder sogar handelte. Dabei sprach Helmut Schmidt sowohl in der Öffentlichkeit als auch im persönlichen Gespräch rückhaltlos das aus, was er wirklich dachte – und nicht das, was vielleicht der eine oder andere gerne hören würde. Dadurch wurde sein vernunftsorientiertes Denken und Handeln zum Garanten für Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit.

 

Unbeugsamer Klartextredner

Helmut Schmidt besaß die Fähigkeit, auch denn fest auf dem Boden zu stehen, wenn Stürme um ihn herum tobten. Seine Mitstreiter konnten sich stets auf ihn verlassen. Allerdings war das auch nicht immer bequem, denn er sprach zumeist wirklich „Klartext“. Helmut Schmidt bestand viele Feuerproben in seiner für ihn unbeugsamen Art. Im Rahmen der Hamburger Sturmflut übernahm er selbstverständlich die Führung, nahm dabei auch den Bruch deutscher Gesetze billigend in Kauf – und rettete somit zahlreiche Menschenleben. Selbst vor dem ersten Gewalteinsatz im Ausland durch ein kleines Enterkommando zur Befreiung deutscher Geiseln aus einer entführten Lufthansa-Maschine schreckte er nicht zurück. Wäre die damalige Erstürmung gescheitert, wäre er sicherlich seiner Verantwortung umgehend als Bundeskanzler nachgekommen und zurückgetreten. Das ist echte Verantwortungsethik – nicht nur im Denken und Wollen, sondern auch im konsequenten Handeln. Auch wenn er sich selbst wiederholt als „Staatsschauspieler“ bezeichnete, war bei ihm stets Prinzipientreue eine weitere Leitlinie. Selbst als seine eigene Partei, im Rahmen des kontroversen  NATO-Doppelbeschlusses – ihm die Treue entzog, blieb er seinen Überzeugungen standhaft. Sein Nachfolger fuhr dann die Ernte ein.

Hier einige „rhetorischen Splitter“ von Helmut Schmidt

 

 

Krisenmanagement mit fester Hand

In seiner Regierungserklärung unmittelbar nach dem erfolgreichen Sturm der Landshut-Maschine in Mogadishu, verlieh Helmut Schmidt den Worten unseres Grundgesetzes dadurch ein anderes Gewicht, in der die Demokratie „ihre existentielle Begründung letztlich in der Humanisierung des unvermeidlichen Umgangs mit der Macht findet“. Zum Ende kam er dann auf den Kern von Verantwortung zurück:

„Wer weiß, dass er so oder so, trotz allen Bemühens, mit Versäumnis und Schuld belastet sein wird, wie immer er handelt, der wird nicht von sich sagen wollen, er habe alles getan, und alles sei richtig gewesen. Dieses und dieses haben wir entschieden, jenes und jenes haben wir unterlassen. Aber dies haben wir zu verantworten. Zu dieser Verantwortung stehen wir auch in Zukunft.“

Helmut Schmidt besaß die seltene Kombination von Pragmatismus mit fundiertem theoretischen Unterbau, Durchsetzungsstärke und vor allem aber: Verlässlichkeit. Dazu forderte er stets sowohl von sich selber als auch von seinen Mitarbeitern viel ab. Echte Durchdringung der unterschiedlichen Aufgabenstellungen und vor allem das Streben nach der besten Lösung waren dabei seine wesentlichen Eckpunkte. Ein Kompromiss gegen seine eigenen Überzeugungen wäre für ihn Schwäche gewesen, der sich bei der nächstbesten Krisen selber als untauglich erwiesen hätte.

 

Helmut Schmidt © wikipedia
Helmut Schmidt © wikipedia

 

(Welt)Ökonomischer Sachverstand

Während der ersten G7-Gipfeln steigt Helmut Schmidt zu einem Hoffnungsträger für die Weltwirtschaft auf – der Preis dafür waren für Deutschland höhere Schulden. In seiner Dissertation „Weltwirtschaft ist unser Schicksal“ beschreibt Johannes von Karczewski 2008 die führende Rolle von Helmut Schmidt, bei der Bildung der Weltwirtschaftsgipfel. Hiermit versuchten die wichtigsten Industrieländer, ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik so aufeinander abzustimmen, dass Krisen verhindert oder überwunden wurden. Für den Kanzler war damals klar, trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten bei den anderen Regierungen und auch innerhalb seiner eigenen Partei hierzu, dass eigene Probleme nicht auf Kosten anderer zu lösen sind, denn eine Weltwirtschaft ist das Schicksal Deutschlands. Funktioniert sie, dann geht es uns gut; strauchelt sie, dann hat das auch auf uns gravierende Konsequenzen.  Das galt damals wie heute insbesondere für neue Handelsbeschränkungen. Nicht Protektionismus sondern vertrauensvolle Kooperation und Abstimmung der eigenen Positionen sind hier die Schlüsselfaktoren für Erfolg. Entscheidende Voraussetzung hierfür ist, dass die wirtschaftlich Stärkeren dazu den Schwächeren partnerschaftlich – also auf Augenhöhe – unterstützen.

 

Seine Bürokratieskepsis

Obwohl Helmut Schmidt sicherlich ein glühender Verfechter der europäischen Einigung war, prangerte er wiederholt energisch die seit langem bekannte Regelungswut der EU-Bürokratie, die viel zu rasche Erweiterung nach Osten mit eher schwachen Ökonomien sowie ihre Pokerspieler-Art, große Krisen lösen zu wollen, an. Für ihn verhält sich die EU-Bürokratie als eine Art Ersatzstaat, der stärker in das alltägliche Leben seiner Bürger eingreift, als jede nationale Regierung sich das trauen dürfte – und das Ganze ohne entsprechendes Setting und vor allem demokratische Legitimierung dazu. Zudem versucht die EU wiederholt einfach zu große Räder zudrehen und beschädigt dadurch den Europagedanken, der einmal etwas wirklich Schönes war, als es um die ausgleichende Völkerverständigung nach den beiden Weltkriegen ging.

 

Seine Verantwortung zur Freiheit des Handelns

Unterhält man sich mit ehemaligen Kollegen und Mitarbeitern von Helmut Schmidt, geraten diese regelmäßig ins Schwärmen über seine Art als Vorgesetzter. Er vertraute seinen Mitarbeitern fast blind und länger als er, konnte ein Vorgesetzter die Zügel kaum lassen. Wenn er das Gefühl hatte, dass alles funktionierte, mischte er sich nicht mehr ein. Dadurch wurden die Freiheiten, die er gewährte, zum größten Ansporn. Er gewährte Freiheiten, schenkte Vertrauen, blieb wissbegierig und war immer verbindlich. Die Arbeit für und mit Helmut Schmidt, egal ob leicht oder nicht, war für alle prägend, und das fürs gesamte Leben.

Vielen Dank Herr Schmidt für Ihr Leben, dass Sie unserem Land zur Verfügung stellten. Vielen Dank auch für Ihre eckigen Persönlichkeitsmerkmale, an der sich vor allem Führungskräfte ein Beispiel nehmen sollten und vielen Dank auch für Ihre Fähigkeit und Energie, unserer Gesellschaft immer wieder den Spiegel vor das Gesicht gehalten zu haben.

Abschließend wünsche ich Ihnen, dass Sie gnädig mit dem Führungspersonal umgehen, wo sie jetzt und in Zukunft sein werden;-)