Unternehmer tragen gesellschaftliche Verantwortung. Das ist leider immer noch zu wenigen bewusst. Jeder Einzelne trägt gesellschaftliche Verantwortung. Diese beginnt bei der Einhaltung der Menschenrechte, deren Förderung eine ihrer eigenen Pflichten ist. In vielen Teilen dieser Welt halten sich multinationale Konzerne aber maximal an die dort geltenden Gesetze, unabhängig davon, ob diese den Menschenrechten nachstehen oder nicht. Corporate Social Responsibilty? Corporate Citizenship? Oftmals Fehlanzeige oder mehr Schein als Sein. Dabei verkennen Unternehmen die Chancen, die gesellschaftlicher Fortschritt mit sich bringt, der sich wiederum ganz automatisch einstellt, wenn zumindest die Grundrechte der Menschheit beachtet werden. Dieses Modell nennt sich Bottom oder Base of the Pyramid.

Die Base of the Pyramid

Schaut man sich die Kaufkraft, bzw. das jährliche Jahreseinkommen an, dass das World Resources Institute ermittelt hat, muss man erschreckend feststellen, dass weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in der „Base of the Pyramid“ lebt und damit weniger als 3000 Dollar im Jahr zur Verfügung hat. Dabei hat ein Viertel der Weltbevölkerung weniger als 1,25$ am Tag zur Verfügung.

Das ist allerdings nicht das einzige Problem: Es konnte bereits empirisch nachgewiesen werden, dass die Lebenshaltungskosten in Gegenden in denen vorrangig Arme leben höher sind, als in Gegenden in denen wohlhabendere Menschen wohnen. Man spricht auch vom „Poverty Premium„, dem Armenzuschlag. Das heißt, die Base of the Pyramid hat nicht nur ein extrem geringes Einkommen, sondern gleichzeitig noch größere Ausgaben für den täglichen Bedarf.

Base of the Pyramid
Vier Milliarden Menschen gehören zur BoP.

Die Chancen der „Base of the Pyramid“-Strategie

Neue Absatzmärkte

Die Menschen der „Base“ leben derzeit außerhalb des weltweiten Absatzmarktes. Sie können sich im Prinzip nichts leisten und sind daher für Unternehmen uninteressant. Mit einer Verbesserung der Situation könnten folglich neue Absatzmärkte geschaffen werden. Menschen verdienen, ergo kaufen sie ein. Man spricht immer wieder von einem Marktpotenzial der Base of the Pyramid von mehr als fünf Billionen Dollar. Auch wenn man hier Vorsicht walten lassen muss, was die Zuverlässigkeit solcher Zahlen angeht, bleibt unterm Strich mit Sicherheit eine exorbitante Summe. Der Ansatz der Absatzmärkte greift allerdings zu kurz, er reduziert die halbe Weltbevölkerung auf Kaufkraft, bzw. auf das Ende der Wertschöpfungskette. Daher ergänzt man die BoP-Strategie heute um einen weiteren Punkt.

Neue Wertschöpfungspotenziale

Es darf nicht nur Ziel sein, den Absatzmarkt der BoP zu erschließen. Vielmehr sollte sie in bestehende Wertschöpfungsprozesse integriert werden und eigene Wertschöpfungspotenziale entfalten. Die Base of the Pyramid ist nicht nur eine Chance für Absatzwachstum, sondern für Wirtschaftswachstum insgesamt.

Ansätze die Base of the Pyramid zu stärken

Microfinance

Von Microfinance haben die meisten sicher schon einmal etwas gehört. Dazu gehört zum Beispiel die Idee der Mikrokredite, die Muhammed Yunus mit der Garmeen Bank etablierte und wofür er schließlich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die bengalische Bank vergibt Kleinstkredite, bevorzugt an Frauen, um den Menschen das Startkapital für eine funktionierendes Leben zu liefern. Obwohl die Kredite klein sind, haben sie eine lange Laufzeit. Die Bank hat mehr als sieben Millionen Kreditnehmer, davon 97 Prozent Frauen. Inzwischen wurde Muhammed Yunus aus seiner eigenen Bank aus Altersgründen entlassen und war auch vor Gericht gegen diese Entlassung erfolglos. Zwar wird der Ansatz der Bank immer noch gelobt, allerdings ist tatsächliche Wirkung bisher fraglich, ein Großteil der Kreditnehmer schafft den Absprung aus der Armut nicht.

Grassroots-Integration

Viele andere Ansätze abseits der Mikrofinanzierung fallen unter die Grassroots-Integration. Dabei geht es um eine Art des Franchising für Kleinstunternehmer. Erfolgreiche Geschäftsmodelle sollen von der BoP angewendet werden, um eigenes Unternehmertum, Grundrechte und finanzielle Unabhängigkeit zu stärken. Dazu gehört zum Beispiel die Vermittlung wirtschaftlichen Grundlagenwissens und Zugang zu Information. Überall auf der Welt werden Bauern ausgenutzt, weil diese den Wert ihrer eigenen Waren nicht kennen und sich durch diese Unwissenheit unter Druck setzen lassen. Nur die Informations- und Wissensvermittlung kann dort schon für mehr Fairness sorgen. Letztendlich geht es darum, die Menschen zu (Sub-)Unternehmern zu machen, und sie so nachhaltig in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren. Viele Fair-Trade- Produkte basieren ebenfalls auf diesem Ansatz.

Mehr Beachtung für die BoP

Der BoP wird zu wenig Beachtung geschenkt, und das meine ich keineswegs im philanthropischen Sinne, sondern im wirtschaftlichen. Aufgrund der wirtschaftlichen Struktur hierzulande, sollten insbesondere deutsche Unternehmen einen Blick auf die strukturschwachen Regionen dieser Erde lenken. Wenn man vom Absatzmarkt BoP spricht, denken viele zunächst, es ginge darum, Fernseher und andere typische Konsumgegenstände zu verkaufen. Doch keineswegs: Es geht um Energie- und Wasserversorgung, um Infrastruktur, um Industrieprodukte. In dieser Hinsicht ist die deutsche Wirtschaft gut aufgestellt. Warum also nicht auch als Mittelständler den Blick über den Tellerrand der Wohlstandsländer wagen? Los geht’s.