Über Führung in Extremsituationen ist schon viel gesprochen worden. Und manchmal glaube ich, noch deutlich mehr geschrieben worden. Allerdings oftmals auch an nicht immer griffigen Beispielen – wie z.B. Flugzeugträger, Atomkraftwerk, etc.-, die ein Außenstehender kaum nachvollziehen kann. Vielleicht kann der Straßenverkehr hier ja mal weiterhelfen? Denn es ist doch deutlich wahrscheinlicher an einen Unfallort zu kommen, als einen „Fünfer“ im Lotto zu holen.

Stellen Sie sich dazu bitte folgende Situation vor: Sie fahren in Ihrem Wagen auf einer mäßig befahrenen Landstraße. Es ist später Vormittag und Sie freuen sich schon aufs Mittagessen. Dabei werden Sie von drei Mitarbeitern begleitet. Auf einmal beobachten Sie, wie das vor Ihnen fahrende Fahrzeug von der Straße abkommt. Es dreht sich in der Luft und landet auf dem Dach im Straßengraben.

Was tun – Führen oder Abwarten?

Nein, Sie fahren natürlich nicht weiter, sondern entschließen sich zum aktiven Helfen. Aber wie, denn Sie haben nur noch ca. 300 Meter bis zur Unfallstelle. Also ca. 10 Sekunden Zeit für einen ersten Plan.

Führung in erster Hilfe
Führung in Erster Hilfe

Neben Ihren drei Kollegen samt deren Smartphones haben Sie noch einen Feuerlöscher, eine Warnweste und ein Warndreieck sowie einen Verbandkasten in Ihrem Wagen.

Nun sind Sie zur Unfallstelle aufgefahren und müssen handeln. Dazu müssen Sie mehrere Situationen nahezu parallel angehen:

 

 

 

 

  • Verunglücktes Fahrzeug und Insassen begutachten; ggf. erste Hilfe leisten
  • Dem nachfolgenden Verkehr eine deutliche Warnung geben, dass hier eine Unfallstelle ist
  • Das eigene Fahrzeug absichern
  • Polizei und/ oder Krankenwagen informieren
  • Ach ja, und Sie haben ja auch noch Ihre drei Kollegen und die o.a. erste Hilfeausstattung

Verkehrsunfall – Ersthelfer mit oder ohne Führung?

Welche Möglichkeiten des Handelns haben Sie? Haben Sie schon einen Plan oder eine Absicht wie Sie auf diese Situation reagieren werden? Aber bedenken Sie dabei auch, das jede verschwendete Minute sich deutlich negativ auf die Gesundheit der verunglückten Personen auswirken könnte.

Insgesamt eine extrem kritische und komplexe Situation, in die grundsätzlich jeder von uns tagtäglich hineingeraten kann. Ok, werden Sie nun denken und worauf will ich jetzt hinaus? Ganz einfach, denn meine These hierzu lautet: Dies ist ein hervorragendes Beispiel, um die unterschiedlichen Dimensionen von flexibler Führung in Krisensituationen zu verdeutlichen.

Modell des Führungsprozesses

Wesentliche Führungsleistung

Ihre wesentliche Leistung bei diesem Beispiel ist doch sicherlich, die richtige Erste Hilfe für die verunglückten Personen zu leisten, ohne sich dabei selber in große Gefahr zu bringen. Haben Sie schon alle Informationen, die Sie eigentlich benötigen. Nein natürlich nicht, die müssen Sie sich aber rasch besorgen. Hier wird deutlich, dass Führung in Krisen- bzw. Extremsituationen immer auch Handeln mit Informationsarmut und unter hohem Zeitdruck zu erfolgen hat.

Sie könnten nun mit Ihren Mitarbeitern das weitere Vorgehen zunächst einmal erörtern und die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Möglichkeiten gegeneinander abwägen. Auch die Chancen und Risiken könnten noch diskutiert werden. Hier sage ich: BULLSHIT!!!

Handeln Sie rasch und agieren Sie besonnen

Denn dies alles wird Sie Zeit kosten – Zeit die Sie zwar haben, aber vielleicht nicht die verunglückten Insassen. Demgegenüber könnten Sie aber auch – da Sie zunächst aber über alle erforderlichen Informationen verfügen, die Führung auch an sich reißen und Ihren Mitarbeitern klare Aufträge erteilen:

  • Mitarbeiter A nimmt sich den Feuerlöscher, nähert sich dem Fahrzeug von Vorne und kümmert sich um den Fahrer
  • Mitarbeiter B nimmt sich den Verbandkasten, nähert sich dem fahrzeug von schräg hinten und sondiert mögliche Beifahrer
  • Mitarbeiter C schnappt sich die Warnweste und das Warndreieck und sichert den Verkehr zunächst nach hinten und dann nach Vorne ab

Ach ja, und was machen Sie selber? Sie suchen sich zunächst eine Position, von der Sie die gesamte Situation überblicken und ggf. auch zeitnah selber eingreifen könnten, sofern dies notwendig sein sollte. Wenn Sie die ersten Informationen über die Anzahl der verletzten haben, informieren Sie schnellstmöglich die Polizei bzw. Feuerwehr.

Delegieren Sie konsequent und suchen Sie stets nach möglichen Reserven

Aufgrund der klaren Aufträge, werden sich Ihre Mitarbeiter nun um das verunglückte Fahrzeug und die Insassen kümmern. Wie sie das machen? Na, dass überlassen Sie doch am besten mal Ihren Mitarbeitern, die unmittelbar vor Ort sind. Kümmern Sie sich vielmehr zunächst einmal darum, dass alle Beteiligten über die gleichen Informationen verfügen. Denken Sie dabei auch an Ihren Mitarbeiter C, der sich ja in einiger Entfernung zur Unfallstelle befindet und diese vermutlich gar nicht einsehen kann. Auch der benötigt Informationen. Und beobachten Sie weiter die Gesamtsituation. Sollte einer Ihrer Mitarbeiter ggf. überfordert sein, könnten Sie ihn rasch unterstützen. Dies aber bitte nur temporär, denn Sie haben dann niemanden mehr, der die Gesamtsituation organisiert. Wenn der verunglückte Wagen Feuer fangen sollte, ein erhebliches Risiko gleichermaßen für alle Beteiligten.

Energische Führung in Krisensituationen ist ein „must be“

Also anhand dieses Beispiels wird doch hoffentlich sehr deutlich, dass energisches Handeln grundsätzlich erfolgsversprechender ist, als irgendein Zögern. Auch wenn Sie sich selber der Situation vielleicht nicht gewachsen fühlen. Aber denken Sie doch bitte daran, dass auch Sie einmal verunglücken könnten und sich dann ebenfalls über „professionelle“ Ersthelfer freuen würden. Ach ja, und natürlich besteht hier ein hohes Risiko, ggf. Fehler zu machen. Aber dies lässt sich durch konsequentes Handel im Sinne von Agieren reduzieren. Dazu kann es erforderlich sein, dass Sie zunächst einmal nur reagieren können. Aber auch hier sollten Sie alles daran setzen, die Situation zunächst einmal zu stabilisieren. Sollten die verunglückten Personen schwere Verletzungen haben, dann können Sie doch so oder so nichts anderes machen, bis dass der Notarzt eintrifft.

Lessons Learned?!

Damit uns so etwas nicht passiert, lassen wir unsere Wagen nun zu Hause und weichen auf öffentliche Verkehrsmittel aus. Sicherlich eine Möglichkeit – aber ist sie notwendig? Nein, sicherlich nicht!!!

Wir – und vor allem die Führungskräfte, und solche die es einmal werden wollen – sollten regelmäßig darüber nachdenken, wie man flexibel auf unvorbereitete Situationen reagieren kann. Und dies bitte schön nicht an abstrakten Beispielen, sondern auch mal an alltäglichen Situationen. Und das gemeinsam auch mit den Mitarbeitern – dies kann auch mal einen öden Betriebsnachmittag sehr spannend werden lassen.