Viele britische Unternehmen sowie multinationale Unternehmen in Großbritannien sind stark von Importen aus der Europäischen Union (EU) abhängig und eng in die Lieferketten der EU verbunden. Tatsächlich stammen 54 Prozent aller Waren, die nach Großbritannien importiert werden aus anderen Ländern der EU. Dadurch hat der Brexit die Lieferketten dieser Unternehmen mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Diese Unsicherheit wird nicht von kurzer Dauer sein. Sie wird wahrscheinlich ein Jahrzehnt oder länger anhalten und die bestehende Volatilität und Verwundbarkeit in den Lieferketten vieler Branchen erhöhen.

Darüber hinaus wird auch der Warenexport in Großbritannien und Irland von den Konsequenzen des Brexits nicht verschont bleiben. Fast die Hälfte der britischen Warenexporte bleiben innerhalb der EU. Dies macht den Brexit zu einem wichtigen Anliegen für Unternehmen mit britischen Handelspartnern. Unabhängig vom späteren Ausgang des Brexits können und sollten diese Unternehmen deshalb ihre Lieferketten überdenken und sie so widerstandsfähiger zu machen. In Deutschland wurden 2018 Waren im Wert von 38,6 Milliarden US-Dollar aus Großbritannien importiert.

Warum Europa in britischen Lieferketten so wichtig ist

Die EU ist nicht nur der größte Handelspartner Großbritanniens, auf den ungefähr die Hälfte der Warenimporte und -exporte entfällt. Ihr Warenaustausche erfolgt außerdem zu einem großen Teil in Form von Zwischenprodukten. Dies ist ein Indikator für den hohen Grad der Vernetzung zwischen den britischen und EU-Lieferketten.

Handelsbeziehungen zur EU sind besonders für Unternehmen mit Sitz im Vereinigten Königreich in den Bereichen Lebensmittel und Getränke, Chemie und Automobil von Bedeutung. Die EU ist für die große Mehrheit des Handels Großbritanniens mit den wichtigsten Rohstoffen in den Lieferketten dieser Sektoren verantwortlich. Sie alle wären mit relativ hohen Zöllen konfrontiert, falls der britische Handel mit der EU wieder den Meistbegünstigungsstatus der Welthandelsorganisation (WTO) erlangt. Deshalb ist der Handel mit diesen Rohstoffen anfällig für Störungen durch den Brexit.

Der Brexit birgt große Unsicherheiten in Bezug auf die Lieferketten

Niemand weiß heute, wie sich der Brexit entwickeln wird. Angesichts der engen Integration britischer Lieferketten in die EU müssen sich Unternehmen allerdings wohl oder übel auf eines von mehreren Szenarien einstellen. Sie müssen auch über größere politische Unsicherheiten und Herausforderungen nachdenken. Diese könnten sich dann ergeben, wenn sich ein künftiges Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien als so schwierig zu verhandeln und zu ratifizieren erweist wie mit der Schweiz und Kanada.

Die Verhandlungen der Schweiz mit der EU dauerten beispielsweise von 1992 bis 2004 mehr als ein Jahrzehnt und führten zu rund 20 separaten Verträgen. Im Fall Kanadas begannen die Verhandlungen über das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen mit der EU im Jahr 2009 und wurden erst im Jahr 2014 abgeschlossen – und das Abkommen muss noch von allen nationalen Gesetzgebern der EU ratifiziert werden. Dies kann als deutliches Zeichen dafür gesehen werden, dass die Unsicherheit über das britische Handelsregime auch dann noch ein Jahrzehnt oder länger anhalten könnte, wenn in den nächsten Monaten eine feste Entscheidung über den Brexit getroffen wird.

Strategie, Betrieb und Organisation der Lieferkette überdenken

Unabhängig vom späteren Ausgang des Brexits können und sollten britische Unternehmen und Unternehmen mit Handelspartnern in Großbritannien die derzeitige Situation als Anlass zum Überdenken ihrer Strategien und Abläufe in der Lieferkette betrachten, um mehr Flexibilität bei ihren Investitions- und Umstellungsplänen zu erreichen. Über die folgenden Schlüsselthemen sollten sich Führungspersonen dabei Gedanken machen:

1. Neudefinition der Beschaffungsstrategie

Viele Unternehmen müssen möglicherweise Onshoring-Möglichkeiten ausloten und lokale Zulieferer oder die Präsenz anderer internationaler Zulieferer entwickeln, um auch in einem Szenario anhaltender Unsicherheit über den Handel zwischen Großbritannien und der EU eine zuverlässige Belieferung zu wettbewerbsfähigen Kosten sicherzustellen.

2. Veränderung von Angebot und Nachfrage

Bereiten Sie sich auf Veränderungen in Angebot und Nachfrage vor. Unternehmen können ihre Prognosefähigkeiten verbessern, um die Auswirkungen von Nachfrageschwankungen auf ihr Unternehmen vorherzusagen und zu verwalten. Ein Hauptaugenmerk sollte auf der Erhöhung der Flexibilität liegen, um mit größerer Volatilität und Unsicherheit bei der Nachfrage fertig zu werden.

3. Anpassung des Produktportfolios

Besonders britische Unternehmen müssen auch ihre Forschungs- und Entwicklungs-Strategien anpassen, um Änderungen der Produktspezifikationen zu bewältigen. Diese Änderungen können auf Änderungen der Vorschriften im Zusammenhang mit dem Brexit oder auf veränderte Verbraucherbedürfnisse zurückzuführen sein.

4. Stärken Ihrer Fähigkeiten und Talente

Die oben beschriebenen Änderungen erfordern eine Reihe verschiedener Fähigkeiten, um eine agilere und flexiblere Organisation zu unterstützen. Dazu gehören Prognose- und Analysefunktionen sowie Funktionen, mit denen Sie schnell auf Marktveränderungen reagieren können, z. B. digital betriebene Kontrollen, die die Echtzeit-Datentransparenz verbessern.

Viele Pionierunternehmen wenden diese Schritte bereits an, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten zu verbessern. Außerdem werden dadurch häufig die Einnahmen erheblich gesteigert, da sie Kosten, Abschreibungen, Lagerbestände und Investitionsausgaben senken. Andere Unternehmen könnten Ihren Umsatz noch heute erhöhen, indem sie Lagerbestände minimieren und über den richtigen Sicherheitsbestand verfügen.

Fazit

Der Brexit stellt die Lieferketten vieler Unternehmen vor große Unsicherheiten. Hinzu kommt die bereits hohe Unsicherheit, die durch die globalen geopolitischen und wirtschaftlichen Trends verursacht wird. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Unternehmen auf die anhaltende Unsicherheit reagieren können, indem sie ihre Lieferketten neu erfinden.  Nicht nur, um sich vor kurzfristigen Störungen zu schützen, sondern um langfristige Verbesserungen in Bezug auf Belastbarkeit, Flexibilität und Ertrag zu erzielen.