Verzehrte Wahrnehmung beeinflusst unser Denken und Handeln deutlich mehr als wir uns das zumeist ehrlich eingestehen. Neuere wissenschaftlichen Forschungsergebnisse beweisen: In vielen Situationen folgen wir – quasi blind – unseren Intuitionen, oder sind einfach zu bequem, andere Optionen zu prüfen. Das führt häufig zu Fehlern – auch in wichtigen Entscheidungssituationen. Demgegenüber aber gibt es auch sehr erfolgreiche Strategien, damit wir objektiver entscheiden und dadurch die Risiken der verzehrten Wahrnehmungsfehler deutlich minimieren.

Kurzer Selbsttest zur verzehrten Wahrnehmung

Uns allen unterlaufen regelmäßig die gleichen vermeidbaren Fehler: Wir schätzen die notwendige Zeit falsch ein, wir übersehen oder ignorieren Informationen, etc.. Der Grund dafür ist zumeist, dass unser Gehirn mit entsprechenden Denkmustern programmiert ist. Das glauben Sie nicht? Dann machen Sie doch mal folgenden Selbsttest (zur verzehrten Wahrnehmung):

  1. Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet 1,00 Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?
  2. Wenn fünf Maschinen fünf Minuten brauchen, um fünf Artikel zu produzieren, wie lange brauchen 100 Maschinen dann, um 100 Artikel zu produzieren?
  3. In einem Teich wachsen Seerosen. Jeden Tag verdoppelt sich die Größe des Seerosenteppichs auf dem Wasser. Wenn die Seerosenblätter 48 Tage brauchen, um den ganzen Teich zuüberwuchern, wie lange brauchen sie dann, um die Hälfte des Teichs zu bedecken?

Sollte Ihnen bei diesem Kurz-Test Fehler unterlaufen sein, dann haben Sie sich bzw. Ihr Gehirn zu sehr auf Ihr sog. „Ein-System-Denken“ verlassen, statt auf das sog. „Zwei-System-Denken“ umzuschalten. Und selbst wenn Sie alle Fragen richtig beantwortet haben, dann hat vermutlich dennoch der Ein-System-Modus versucht, Ihre Überlegungen zu beeinflussen: Dieses Denkmuster hat sie vermutlich bei einigen oder gar allen Fragen verleitet, die Ihr Zwei-System-Modus zwar erwogen, aber letztendlich doch wieder verworfen hat.

Zu 1. – Richtige Antwort: Fünf Cent

Unsere Intuition sagt uns auf Anhieb: Der Schläger kostet 1,00 Euro und der Ball 10 Cent. Nachdem Sie aber Ihren „Zwei-System-Modus“ eingeschaltet haben und die Aufgabe genauer betrachten, wird Ihnen aber sehr schnell klar, dass das nicht stimmen kann; denn: Zwischen Schläger und Ball muss eine Preisdifferenz von genau einem Euro sein. Die einizigen Preise, die alle Voraussetzungen hierfür erfüllen, sind: 1,05 Euro für den Schläger und und 5 Cent für den Ball.

Zu 2. – Richtige Antwort: Fünf Minuten

Diese Aufgabe verleitet unser Gehirn sehr leicht zu einem Denkfehler, da wir uns meist spontan auf ein irreführendes Zahlenmuster einlassen: Wenn 5 Maschinen in 5 Minuten 5 Artikel fertigen (5-5-5), dann brauchen analog 100 Maschinen dazu 100 Minuten, um 100 Artikel zu fertigen (100-100-100). Nutzen Sie allerdings Ihr Zwei-System-Modell, dann erkennen Sie, dass jede Maschine 5 Minuten benötigt, um einen Artikel anzufertigen.

Zu 3. – Richtige Antwort: 47 Tage

Vermutlich sind zu dem voreiligen Ergebnis gelangt, dass die Hälfet des teiches nach der Hälfte der Zeit mit Seerosenblättern bedeckt wäre (48:2=24). Dabei haben Sie allerdings das expotentielle Wachstum nicht berücksichtigt. Die richtige Antwort lautet vielmehr 47 Tage; denn wenn der Teich bis dahin zur Hälfte mit Seerosenblättern bedeckt wäre, führt die Verdoppelung am folgenden Tage dazu, dass der gesamte Teich bedeckt ist. Btw: Auch ein Tag wäre, wenn auch ungewöhnlich, eine weitere richtige Antwort gewesen, denn die Seerosenblättern benötigen genau einen Tag, um die zweite Hälfte des Sees zu überwuchern.

Dieser Test wurde übrigends in ähnlicher Form im Fachartikel Cognitive Reflection and Decision Making“ von Shane Frederick im Journal of Economic Perspectives aus dem Jahre 2005 veröffentlicht.

 

 

Risikominimierung der verzehrten Wahrnehmung

5-Schritte-Startegie

Überwinden Sie Ihre Instinkte und Emotionen und bauen Sie vielmehr auf Ihr logisches Denkvermögen. Dadurch reduzieren Sie die Fehlerwahrscheinlichkeit signifikant. F. Gino und J. Beshears von der Harvard Business School empfehlen hierzu die sog. 5-Schritte-Strategie:

  1. Lernen, wie Entscheidungen funktionen
    Ein-System-Modell: automatisch, instinktiv, emotional
    Zwei-System-Modell: langsam, bewusst, logisch

2. Problem definieren
Verhaltensökonomische Lösungsstrategien sind immer dann am wirksamsten, wenn

  • der Problemursache menschliches (Fehl)Verhalten zugrund liegt
  • Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln
  • sich das Problem genau abgrenzen lässt

3. Ursachen klären

  • Liegt es daran, dass Sie oder Ihr Team nichts oder nicht das richtige tun?
  • Tun Sie bzw. Ihr Team etwas, aber dieses Handeln führt zu Systemfehlern im Entscheidungsprozess?

4. Lösungen entwicklen
Einsatz der folgenden drei unterschiedlichen Ansätze:

  • Versetzen Sie sich oder Ihre Umgebung in das Ein-System-Modell durch Verändern der Rahmenbedingungen, das Wecken von Emotionen, machen Sie sich die verzehrten Wahrnehmungen der kognitiven Seite zu Nutze und vereinfachen Sie die Abläufe
  • Versetzen Sie sich oder Ihre Umgebung in das Zwei-System-Modell durch die simultane Bewertung unterschiedlicher Alternativen, das Schaffen von Freiräumen zum Nachdenken, das Einführen klarer Verantwortlichkeiten und dem Arbeiten mit Erinnerhungshilfen und Planungssignalen
  • Umgehen Sie beide Denk-Modelle durch die Auswahl von Standardverfahren und den Einbau automatischer Korrekturen

5. Lösung überprüfen
Überprüfen Sie die Lösung um etwaige Fehler zu vermeiden, durch:

  • Festlegen eines konkret messbaren Wunschergebnisses
  • Auswahl des besten Lösungsweges
  • Führen Sie die Veränderungen zunächst nur in einigen Bereichen durch, während sie die anderen Bereiche als „Kontrollgruppe“ nutzen

 

Objektive Entscheidungsfindung reduziert verzehrte Wahrnehmung nachhaltig

Problem der verzehrten (kognitiven) Wahrnehmung

Kognitive Wahrnehmungsverzerrungen trüben oder schränken unseren Blick bei wichtigen Entscheidungen ein, weil wir uns zu sehr auf unsere intuitiven Fähigkeiten verlasen. Und selbst wenn wir versuchen, rational zu denken, ist unsere Logik aufgrund der nicht richtigen Denkmuster häufig fehlerhaft. Zusätzlich kann uns geistige Trägheit auch einfach daran hindern, einen logischen Gedanken konsequent zu Ende zu denken.

Ursachen der verzehrten Wahrnehmung

Denn anstatt die Risiken und Ungewissheiten von Situationen konsequent zu durchdenken, neigen wir häufig dazu, Entscheidungsprozesse einfach voreilig zu beenden bzw. abzubrechen – was ja auch viel einfacher und bequemer ist. Dadurch engen wir unseren geistigen Horizont aber so ein, dass wir nicht alle potentiellen Szenarien, Ziele und Zielerreichungsmöglichkeiten erkennen.

Weitere Lösungsansätze

Der israelische Nobelpreisträger und Princton-Professor, Daniel Kahnemann gibt ins einem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ zahlreiche Hinweise und Vorschläge für erfolgreiche Lösungsstrategien.

Nachdenken über die Zukunft

Beim Nachdenken über mögliche Szenarien in der Zukunft bewegen wir uns zumeist in sehr engen Bahnen. Einige begnügen sich mit bloßen Vermutungen, andere versuchen ihre Spekulationen argumentativ abzusichern. Doch leider liegen diese Einschätzungen meistens ziemlich daneben, da die Zukunftsprognosen häufig viel zu optimistisch sind. Deshalb haben sich folgende Maßnahmen bewährt:

Nicht eine, sondern drei Schätzungen machen – also best case, worst case und mid case

  • Nicht einmal sondern zweimal nachdenken
  • Prä-Mortem-Analysen nutzen
  • Den Blick von Außen versuchen

Nachdenken über die Ziele

Oftmals ist es schwierig, die eigenen Ziele aus einer möglichst breiten Perspektive zu betrachten. Das liegt einfach daran, dass wir uns zumeist gar nicht über das gesamte Spektrum unserer Handlungsmöglichkeiten im Klaren sind. Deshalb haben sich folgende Maßnahmen bewährt:

  • Beraten lassen von Extern und Intern
  • Den Zielen der Reihe nach folgen
  • Optionen gleichzeitig bewerten
  • Richtig gewichten durch
    • Ausblenden negativer Einflüsse aufgrund von Klischees, abwertenden Assoziationen und irrelevanten Faktoren
    • Checklisten verringern die Fehleranfälligkeit und lenken die Aufmerksakeit auf die relevanten Aspekte
    • Algorithmen legen im Voraus fest, wie viel Gewicht jeder Information zugemessen wird

Motivierte kognitive Wahrnehmungsverzerrungen eindämmen

Viele Verzerrungen der Wahrnemung sind emotional bzw. motivational bedingt. Dazu noch ein einfaches Beispiel: Wenn in ein nicht erfolgreiches Projekt sehr viel Zeit, Ressourcen, Budget und Engagement reingesteckt wurde, dann fällt es den Verantwortlichen sehr schwer, das Projekt aufgrund mangelndem Erfolg abzubrechen. Diese unselige Verhaltensneigung wuird durch übermäßiges Vertrauen in die eigene Leistunghsfähigkeit noch verschärft. Hierfür gibt es grundsätzlich zwei Gründe:

  1. Wir messen den vorliegenden Informationen zu hohe Bedeutung zu
  2. Wir können uns – aufgrund fehlender Informationen – auch nur sehr schwer andere Sichtweisen oder Lösungsmöglichkeiten vorstellen

Diese Risiken können wir mit Hilfe eines „Stolpersteins“ dadurch umgehen, der uns wieder auf den logischen Weg zurückführt: Sie setzen vorher bereits einfach einen Termin fest, bis wann das Ziel erreicht sein muss. Wird es nicht erreicht, wir das Vorhaben abgebrochen. Diese Variante des Stolpersteins lässt einfach mehr Freiheit zum Nachdenken zu.

 

Weitere Detailinformationen hierzu finden Sie auch unter:
J. Soll, K. Milkman und J. Payne: Vorsicht, verzehrte Wahrnehmung! In: Harvard Busines Manager, 08/ 2015, S. 36ff.