Ganz nebenbei bin ich Anfang Mai bereits in das Thema Neuroleadership eingestiegen. Nachdem Thomas Saller im Interview den Anstoß dazu gegeben hatte, habe ich mich mit dem SCARF-Modell beschäftigt. Auch in den kommenden Artikeln werde ich mich noch detaillierter auf NeuroLeadership im Zusammenhang mit Führung und Motivation eingehen. Doch bevor ich mit Begriffen wie „limbisches System“ und unterschiedlichen Funktionssystemen innerhalb des Gehirns um mich werfe, zunächst ein paar grundsätzliche Gedanken.

Warum überhaupt NeuroLeadership?

Die Psychologie ist seit jeher die Wissenschaft, aus der ein Großteil der Kenntnisse über Führung und Motivation kommt. Tatsächlich ist die Psychologie aber eine nicht immer präzise Wissenschaft, die bisher auf Verhaltensuntersuchungen und Interpretationen basierte. In den letzten 15 Jahren hat sich das zunehmend geändert, die Neurowissenschaft ist hinzugekommen. Ausschlaggebend sind hier vor allem technische, medizinische, bildgebende Verfahren, dank derer plötzlich nachvollzogen werden kann, was genau eigentlich im menschlichen Gehirn vor sich geht; also wie es reagiert. Dadurch lässt sich auf der physikalischen Ebene nachvollziehen, wie Emotionen und Gefühle entstehen – zwei Dinge die im Alltag gern synonym genutzt werden, sich in der Neurowissenschaft aber unterscheiden.

Neuromarketing hat sich bereits etabliert: Hier werden die Erkenntnisse über das menschliche Gehirn bereits dazu genutzt, Menschen in ihrem Kaufverhalten zu beeinflussen. NeuroLeadership versucht nunmehr, die Erkenntnisse im Sinne von Führung, Management und Motivation zu nutzen.

Ist der Mensch mehr als die Summe chemischer Prozesse?

Egal ob Neurowissenschaft, Neuromarketing oder NeuroLeadership: Wenn man sich veranschaulicht, worum es dabei eigentlich geht, stellen sich ganz andere, viel grundsätzlichere Fragen bezüglich des „Menschseins.“ Wir sind noch weit davon entfernt, zu verstehen wie das menschliche Gehirn im Detail funktioniert. Aber wenn man bereits weiß, dass Botenstoff X für Gefühl Y sorgt und Botenstoff A das Verhalten B fördert, dann bedeutet das zu Ende gedacht: Jegliches menschliche Verhalten ist anhand von Prozessen innerhalb des Gehirns erklärbar. Schon jetzt nähert man sich ja zutiefst menschlichen Phänomenen wie der Liebe recht erfolgreich auf der neuronalen Ebene an.

Und das bringt einen ganz schnell zu schwerwiegenden, philosophischen Fragen: Hat der Mensch überhaupt einen freien Willen? Oder ist jede Entscheidung, die getroffen wird, nur das Resultat einer unglaublich schnell ablaufenden Reaktion im Gehirn zwischen Gedächtnis-, Belohnungs-, Entscheidungs-, und emotionalem System? Führt ein Erlebnis nur zur Bildung bestimmter Verbindungen im Gehirn, die unser kommendes Verhalten in eine ganz bestimmte Richtung beeinflussen – ohne das wir uns irgendwie dagegen wehren können?

Die Antwort hierzu lautet bisher: Nein, denn wir haben ein Bewusstsein, das den Menschen vom Tier unterscheidet?

Verlangen Sie nicht von mir, dass ich an dieser Stelle Antworten auf diese Fragen liefere. Das sind einfach ein paar grundsätzliche Gedanken, die mir zum Thema NeuroLeadership gekommen sind. Und die ich an dieser Stelle gern zur Diskussion stellen möchte.

In der nächsten Woche geht es dann los, mit dem limbischen System und seinem Einfluss auf die (Mitarbeiter-)Motivation.