Operative Frühwarnsysteme sind grundlegende Voraussetzung der Krisenprävention. Während ich in den letzten Wochen bereits kennzahlenbasierte, operative Frühwarnsysteme und ihre Merkmale erläutert habe, soll es heute um die indikatorbasierten Frühwarnsysteme gehen. Ein solches System beinhaltet die Beobachtung bestimmter Bereiche und Indikatoren, die – anders als Kennzahlen – Chancen und Risiken nicht direkt, sondern indirekt sichtbar machen. Genau wie bei den kennzahlenbasierten Systemen entscheidet die Vorauswahl der zu betrachtenden Bereiche bzw. Indikatoren über den Erfolg eines solchen Frühwarnsystems. Denn Veränderungen können nur innerhalb dieser Auswahl wahrgenommen werden.

Prof. Dr. Ulrich Krystek ist an der TU Berlin tätig und hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Unternehmenskrisen und Controlling geschrieben. Auch zum Thema der operativen Frühwarnsysteme hat er wichtige Erkenntnisse geliefert. Er ist Verfasser des Kapitels Frühwarnsysteme in „Krisenmanagement: Grundlagen – Strategien – Instrumente“, einem Standardwerk, auf das ich mich in den Artikeln zu diesem Thema schon mehrfach bezogen hatte. Er unterteilt den Prozess der operativen Frühaufklärung anhand von Indikatoren in mehrere Teil-Schritte, die ich im folgenden kurz zusammenfassend darstelle.

Der Ablauf der operativen Frühaufklärung anhand von Indikatoren

Welche Bereiche sollen beobachtet werden?

Es gibt eine Vielzahl von Beobachtungsbereichen, wobei die wenigsten Unternehmen alle Bereiche beobachten können. Es muss also zunächst entschieden werden, was die für das Unternehmen relevanten Beobachtungsbereiche sind. Dabei wird zwischen externen Beobachtungsbereichen und internen Beobachtungsbereichen unterschieden. Zu den externen wirtschaftlichen Beobachtungsbereichen gehören z.B. die strukturellen und konjunkturellen Entwicklungen am Absatz-, Kapital-, und Arbeitsmarkt, aber auch der technologische und sozio-politische Bereich. So wird u.a. der Kapitalmarkt beobachtet, um Chancen für günstige Investitionen zu identifizieren. Demgegenüber gibt es interne Beobachtungsbereiche, wie zum Beispiel die Belegschaft, die Finanzen, die Produktpalette oder die Beschaffung. Wurden alle Beobachtungsbereiche identifziert, müssen die relevanten ausgewählt werden, für die man sich anschließend auf die Suche nach Indikatoren macht.

Was wird im Beobachtungsbereich beobachtet, also konktret gemessen?

Frühwarnsysteme

Sind die Beobachtungsbereiche ausgewählt, steht die Suche nach Indikatoren an, anhand derer Veränderungen in den Beobachtungsbereichen messbar werden. So kann der Kapitalmarkt zum Beispiel anhand des Leitzinses beobachtet werden, die Belegschaft anhand der Fluktuationsrate. Die Indikatorsuche muss unbedingt individuell erfolgen, denn Indikatoren sind für jedes Unternehmen unterschiedlich gut geeignet. Das gilt weniger für Indikatoren wie Fluktuationsrate oder Zinsentwicklung. Doch um zum Beispiel die Produktpalette zu beobachten, lohnt sich für einen Hersteller von Industrie-Maschinen eher die Anzahl der Garantiefälle als Indikator, für ein Lebensmittelunternehmen eher die Anzahl der Beschwerden. Für jeden Indikator müssen dann die Beobachtungsintervalle festgelegt werden. Wenn eine Toleranz eingerichtet wird, hat dies den Vorteil, dass das System automatisch nur dann anschlägt, wenn es tatsächlich relevante Veränderungen gibt. Die Einrichtung muss aber mit Bedacht erfolgen. Viele Indiktatoren stehen in kausalen Zusammenhängen, die ebenfalls im System berücksichtigt werden sollten. So kann eine Häufung der Beschwerden (Indikator 1) zum Beispiel mit Einbußen beim Absatz zusammenhängen (Indikator 2).

Wann wird von wem an wen berichtet?

In der Regel erfolgt die Betreuung des Frühwarnsystems durch das Controlling. Regelmäßige Reports an die Unternehmensführung bzw. an das Management sorgen für die entsprechende Informationsvermittlung.

Indikatorbasierte Frühwarnsysteme sollten lernfähig sein!

Ein Frühwarnsystem ist dann besonders effektiv, wenn es ständig verbessert wird. Korrelationen und Kausalitäten zwischen einzelnen Indikatoren lassen sich mit der Zeit immer mehr verfeinern. So weiß man zum Beispiel, dass Indikator A sich in Abhängigkeit von Indikator B in dem und dem zeitlichen Abstand um so und so viel verändert. So werden Entwicklungen immer besser kalkulierbar. Aus eigener Erfahrung weiß ich: So mancher Unternehmer staunt, wenn er anhand eines solchen Systems zum ersten Mal tatsächlich existierende Zusammenhänge zwischen auf den ersten Blick gänzlich unterschiedlichen Bereichen im und um das Unternehmen herum erkennt.