Es kracht in den Redaktionen. Beim Spiegel fetzen sich die Ressortleiter der Printredaktion mit dem Chefredakteur Wolfgang Büchner. Im Hause Gruner + Jahr hat man einen radikalen Sparkurs eingeschlagen: Beim Stern gibt es die ersten betriebsbedingten Kündigungen, die Kurse an der renommierten Henri-ötigannen-Journalistenschule werden verkleinert. Financial Times Deutschland und Westfälische Rundschau sind bereits hinüber, Frankfurter Rundschau und Abendzeitung haben die Insolvenz schon hinter sich, wurden aber übernommen. Eines ist klar: Die Zeitungskrise hat gerade erst angefangen und trotzdem steckt der Journalismus insgesamt schon mittendrin. Wie geht’s weiter?

Spiegel 3.0: Wie Print sich selbst begräbt

Eigentlich ist die Idee des Spiegel-Chefredakteurs Wolfgang Büchner keine schlechte: Unter dem Schlagwort „Spiegel 3.0“ will er die Redaktionen im Spiegel-Haus grundsätzlich umbauen bzw. zusammenlegen. Online- und Printressorts sollen einen gemeinsamen Ressortleiter bekommen, die Stellen dafür neu ausgeschrieben werden. Ich gehöre zur nicht gerade kleinen Gruppe, die sagt: Das ist eine verdammt gute Idee! Zieht das durch, am besten schon gestern. Auch die SpiegelONLINE-Redaktion hält das Konzept für plausibel; eine engere Verzahnung von Print und Online kann auf keinen Fall schaden. Nur die Printredakteure, speziell die Ressortleiter, stellen sich quer wie ein LKW auf Bahnschienen. Gemeinsam haben sie Wolfgang Büchner einen Brief geschrieben, in dem sie keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegenüber Spiegel 3.0 machen. Die journalistische Qualität sei dadurch gefährdet, und es gebe keine Notwendigkeit für einen solchen Umbau. Sie glauben scheinbar, der Umbau sei ihr Sargnagel, tatsächlich aber reichen sie mit ihrem Protest schon gleich den Hammer. Dass es 2014 noch Journalisten gibt, die sich der Tatsache verweigern, dass die Leserzahlen im Printbereich (gerade bei Produkten für ein breites Publikum) noch viel viel weiter zurückgehen werden, ist geradezu erschreckend. Die Zusammenlegung wäre für die Printredaktion eine Chance, die gedruckte Qualität – sofern es sie denn noch gibt – auch in den Onlinebereich des Spiegels zu überführen. Aber das checken die irgendwie nicht.

G+J: Wie Journalismus kaputt gespart wird

Aber nicht nur im Hause Spiegel in der Hamburger Hafen City brennt es. Nur ein paar Meter weiter, an den Landungsbrücken bei Gruner + Jahr, sieht es ähnlich aus. Dort greift der Sparwahn um sich: Weniger Journalistenschüler pro Jahr an der Henri-Nannen-Schule, zudem (deutlich!) weniger finanzielle Beihilfe für die Schüler. Beim Stern sollen 26 Mitarbeiter betriebsbedingt den Hut nehmen. Auch hier wehrt sich die Redaktion mit einem offenen Brief. Besonders die Tatsache, dass es vorrangig Frauen trifft, stößt extrem sauer auf. Erst letzten Monat musste Chefredakteur Dominik Wichmann gehen, er selbst erfuhr von seiner De-Facto-Entlassung aus den Medien – ziemlich traurig. Das journalistische Produkt „stern“ wird auf jeden Fall an Qualität einbüßen: Erstens aufgrund der 26 Entlassungen, und zweitens aufgrund der dortigen Stimmung. Ich kann nur Mutmaßungen anstellen, bin mir aber sicher, dass das Klima in der Redaktion und insbesondere zwischen Redaktion und Verlag nachhaltig gestört ist – verständlicherweise. Entlassungen lösen das Problem der Umsatzeinbußen auf der Anzeigenseite nicht im geringsten. Wenn überhaupt, beschleunigen sie die Todesspirale nur, durch sinkende Qualität und dadurch sinkende Leserzahlen und dadurch weitere Verluste bei den Anzeigen.

Die Zukunft des Journalismus ist Corporate

Im Kulturjournalismus erhalten die Marken bereits Einzug. Die obige Kurzreportage kommt von Bose, beim Musikmagazin Noisey wird das Ressort „you need to hear this“ von Philips gesponsert, an anderen Stellen mischen Marken wie RedBull, Heinecken und Beck’s mit. Der Kulturbereich lässt sich am besten mit Lifestyle-Marken kombinieren. Wie könnte so etwas im Nachrichtenbereich aussehen? Gesponserte Beiträge von Amnesty oder Greenpeace sind denkbar. Für die Auslandsreportage könnte auch ein Geländewagenhersteller in Frage kommen.

 

Die eigentlich spannende Frage: Wie geht es mit Journalismus weiter? Eines ist klar: So wie derzeit beim Stern oder versunken in Grabenkämpfen beim Spiegel sicher nicht. Ich habe dazu meine eigene ganz persönliche Theorie, fernab von PayWall und Co. Zunächst ein kurzer Blick über den großen Teich in Richtung Washington, D.C. bis durch die Fenster der Redaktion der Washington Post, direkt aufs Namensschild am Eigentümertisch. Da sitzt Jeff Bezos, Gründer und Chef von Amazon.com, schätzungsweise 30 Milliarden Dollar schwer. 250 Millionen Euro sind Peanuts für den Mann, aber genau der Preis, den er für die Washington Post auf den Tisch legte. Verständlicherweise drängt sich sofort die Frage auf: Inwiefern ist noch unabhängiger Journalismus möglich, wenn milliardenschwere Unternehmer, die zum Teil auch selbst in harter Kritik stehen, plötzlich Eigentümer von Medien werden? Ganz ehrlich: Ich glaube der Journalismus der Washington Post ist dadurch nicht merklich weniger unabhängig geworden. Journalismus ist nicht und war niemals „vollkommen“ unabhängig. Eine ganzseitige Anzeige im Spiegel kostet mindestens knapp 60.000 Euro. Glaubt denn tatsächlich jemand, dass ein regelmäßiger Anzeigenkunde, der zirka 10-15 Anzeigen im Jahr schaltet, in der Berichterstattung nicht berücksichtigt wird? Zudem: Je stärker die Print-Krise um sich greift, desto mehr erhöht sich die Macht der Anzeigenkunden – und zwar soweit, bis von Unabhängigkeit gar nicht mehr die Rede sein kann. Dann ist es doch besser, wenn ein Jeff Bezos sich der Sache annimmt und dem journalistischen Produkt ein Stück Unabhängigkeit zurückgibt. Wichtig ist nur, dass ihm nicht alles gehört und kein Medienmonopol entsteht. Die Amazon-Kritik übernehmen dann schon andere.

Es wird sich allerdings nicht für jedes Medium ein Sugardaddy à la Bezos finden. Es werden noch haufenweise Redaktionen dicht gemacht und Journalisten gefeuert, dessen bin ich mir sicher. Und ich bin mir sicher, dass viele von ihnen bei Nicht-Medienunternehmen anheuern. Content Marketing ist nämlich ganz groß im Kommen. Unternehmen finanzieren Reportagen, drehen Dokus, platzieren selbst Geschichten. Das ist dann schon Corporate Journalism und ganz sicher nicht unabhängig. Doch was ist, wenn der Sparkurs die Qualität des unabhängigen Journalismus auf der einen Seite runterzieht, und auf der anderen Seite große und qualitativ hochwertige Stories von Unternehmen direkt finanziert werden, wobei die Journalisten Outdoor-Klamotten und Equipment einer bestimmten Marke tragen und kurz in die Kamera halten? Letztendlich zählt, was die Leute lieber rezipieren, aber ich kann mir gut vorstellen, dass Corporate Journalism immer öfter auch das bessere journalistische Produkt liefern wird, da man dort finanziell besser ausgestattet ist. Zumal an diesen Storys ja richtige Journalisten mit journalistischem Hintergrund arbeiten. Journalismus nagt am Hungertuch und so mancher würde zu gern ein klein wenig Unabhängigkeit zugunsten maximaler Freiheit in Sachen Umsetzung eintauschen. Das geht vielleicht sogar ohne den Verkauf der Seele. Vielleicht aber auch nicht.