Wem kann ich heute noch glauben? Auf wessen Wort kann ich zählen? Ich habe das Gefühl, ich kann niemandem trauen. Und ich spreche nicht von dem Verlass auf mein näheres Umfeld. Freunde und Familie halten die Fahne des Vertrauens natürlich hoch. Allerdings weht sie allein auf weiter Flur. Ich spreche vielmehr von der Glaubwürdigkeit von Politikern, Unternehmern, Organisationen – auch mit Blick auf die kommende Europawahl am 25. Mai. Ich behaupte: Wir stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise.

Politiker sind Opportunisten und damit unglaubwürdig.

Wir hatten wohl nie zuvor einen Bundeskanzler, der auch nur annähernd so opportunistisch regiert hat, wie unsere jetzige Bundeskanzlerin Angela Merkel – zumindest soweit ich das aus der Perspektive eines 24-Jährigen beurteilen kann. Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomkraft zeigt das wohl am deutlichsten. Das bedarf auch keiner weiteren Erklärung, denn die inhaltlich korrekte, aber doch absurde Formulierung des vorherigen Satzes zeigt ja schon die nicht vorhandene Stringenz. Der NSA-Skandal ist ebenfalls ein Paradebeispiel: Aufklärung wurde versprochen, als der Aufschrei groß war. Doch bis heute ist nichts, rein gar nichts passiert. Das No-Spy-Abkommen ist vom Tisch und bis heute wissen wir nicht, wer dort wen in wessen Auftrag und Umfang ausgespäht hat. Und hey, es ging ja um nicht mehr als eine massive Verletzung unserer Grundrechte.

Konzerne handeln opportunistisch und damit unglaubwürdig

Glauben wir den Jungs und Mädels von Apple, wenn sie behaupten, sie wüssten nichts von den prekären Arbeitsverhältnissen der Zulieferer? Natürlich glauben wir es ihnen nicht. Dank gesundem Menschenverstand wissen wir schließlich selbst, dass ein T-Shirt für zwei bis fünf Euro nicht unter fairen Bedingungen hergestellt werden kann. Das gleiche müsste man sich in Cupertino denken, wenn man auf die Preisliste der Zulieferer schaut, oder nicht? Zumal: Wer 800 Euro für das Handy mit dem Apfel ausgibt, sollte eigentlich damit rechnen dürfen, dass die an der Herstellung beteiligten Menschen vernünftig bezahlt werden. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Apples Cash-Reserveren jenseits der 100-Milliarden-Dollar-Marke liegen. Bis Anfang des Jahres vertrauten wir immerhin noch den gelben Engeln und wussten welches das Lieblingsauto der Deutschen ist, doch dann war es auch damit schlagartig vorbei. Tepco, Shell, Nestlé, Monsanto und viele mehr, haben in den letzten Jahren deutlich Glaubwürdigkeit vermissen lassen. Multinationale Konzerne stehen ziemlich weit oben auf der Unglaubwürdigkeitsskala.

Glaubwürdigkeit
Würde das Aussprechen einer Unwahrheit tatsächlich zu beschleunigtem Nasenwachstum führen, könnte manch ein Politiker nicht stehen, ohne vornüber zu kippen.

WWF und Co.

Dann sind da noch die Organisationen. Sie sind die Aufdecker der Lügen von Konzernen und teils auch von Politikern. Und auch unter den Organisationen gibt es schwarze Schafe. Wilfried Huismanns Doku „Schwarzbuch WWF: Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda“ ist mir noch gut in Erinnerung und hat dem Ansehen der Organisation (und aller andere Nichtregierungsorganisationen) massiv geschadet.

Glaubwürdigkeit vs. Vertrauen

Natürlich sind all diese Beispiele zunächst nichts weiter als Einzelfälle, wenn auch verdammt schwerwiegende. Das Problem: Die Summe der Einzelfälle verändert die Grundhaltung von Vertrauen hin zu Misstrauen. In den Medien wird häufig von einer Vertrauenskrise gesprochen. Ich lehne diesen Begriff ab, ich wehre mich sogar dagegen. Denn der Begriff Vertrauenskrise impliziert, dass das Problem im mangelnden Vertrauen unserer- bzw. meinerseits liegt. Das mangelnde Vertrauen ist aber keine Ursache und damit auch kein Problem, sondern eine Folge. Die Ursache mangelnden Vertrauens ist fehlende Glaubwürdigkeit, hervorgerufen durch die Lügen in der Vergangenheit.

Gefährliche Folgen

Die Folge der vielen Lügen und Unwahrheiten ist tatsächlich brandgefährlich. Wenn Menschen, denen man eigentlich vertrauen können sollte, Unwahrheiten verbreiten bzw. unglaubwürdig und opportunistisch handeln, dann finden auf einmal andere Gehör. Vor allem die, die Erklärungen für all das liefern. Bestes Hilfsmittel: Simple Freund-Feind-Bilder, wie sie derzeit auf den Montagsdemos gezeichnet werden. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Medienhetze, Euro-Bashing, Antikapitalismus, Anti-Amerikanismus, sehr weit rechts, aber irgendwie auch links und nach eigenen Angaben unpolitisch: „Wir wollen ja nur Frieden.“ Dass ich 2014 noch erleben muss, wie der Name Rothschild in Verbindung mit dem gesamten Unheil der Welt gebracht wird, haut mich wirklich vom Hocker.

Mit freundlichen Grüßen in großer Sorge um unsere Gesellschaft

Benedikt Bentler