Das Bild ist das Medium unserer Zeit. Noch nie zuvor wurden derart viele Bilder produziert und verbreitet wie heute. Facebook und Instagram spucken uns täglich entgegen, wer was isst, wo er sich befindet und mit wem – alles in Bildform. Handys mit immer besseren Kameras und konstanter Internetverbindung machen es möglich. Doch auch in den traditionellen Medienhäusern war die Bilderflut nie größer: Ob blutige Demonstrationen in Ägypten oder das ungeschminkte Gesicht einer Hollywoodikone; wir bekommen alles mit. Momente werden konserviert.

Nachrichtenseiten sind hin und her gerissen: Einerseits spülen Klickstrecken und Fotogalerien Geld in die Kasse (durch mehr Seitenaufrufe), andererseits rückt der Informationsgehalt der Bilder in den Hintergrund – oder bleibt gleich ganz auf der Strecke. Dazu kommt die kontroverse Diskussion über den Echtheitsgrad von Bildern. Beim World Press Photo Award werden auf einmal Journalisten für Bilder ausgezeichnet, die stark bearbeitet sind. Ist das noch erlaubt? Spiegeln diese Bilder überhaupt die Wirklichkeit adäquat wieder? Ich frage: Konnten Fotos das jemals? An dieser Stelle soll es darum gehen, was sich in den letzten Jahren im Bezug auf das Medium Bild verändert hat – und was sich eben nicht verändert hat.

Das Foto als Ausschnitt der Wirklichkeit

Frühe Fotografen hatten den Anspruch, ein möglichst getreues Bild der Wirklichkeit wiederzugeben. Das Gros der Fotojournalisten arbeitet heute noch gemäß dem Credo: Ein Bild sollte eine möglichst objektive Wirklichkeit wiedergeben. Die Debatte ist brandaktuell: Der Fotojournalist Damon Winter hat 2010 eine Fotoreportage in Afghanistan gemacht, bei der er das iPhone und die App Hipstamatic zum Erstellen der Bilder nutzte. Die Fotos haben den typischen grünen Farbstich und die Vignette, wie man sie von den Retrofiltern kennt. (Ein Trend den wir hoffentlich bald überlebt haben.) Diese Fotoreportage wurde ausgezeichnet und es ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob diese Bilder überhaupt für einen fotojournalistischen Wettbewerb zugelassen werden dürfen. Ähnlich sieht es mit einem Gewinnerfoto des World Press Photo Awards 2013 von Paul Hansen aus. Das Bild ist offensichtlich bearbeitet. Viele, auf den ersten Blick beeindruckende, Reportagebilder wurden auch vollkommen inszeniert. Die Frage ist letztendlich: Wo ist die Grenze? Man muss sich über eines im Klaren sein: Ein Foto konnte noch niemals das Abbild der Wirklichkeit oder Realität darstellen. Zum einen ist der Glaube an eine objektive Wirklichkeit ein Irrglaube, denn jeder erlebt die Wirklichkeit anders. Sie ist stets subjektives Konstrukt aus Sinneswahrnehmungen, Wissen und Emotionen. Zum anderen nimmt jeder Fotograf durch Wahl der Brennweite, Kamera, Abstand zum Motiv, Perspektive, etc. bereits eine subjektive Haltung zum Geschehen ein. (Das kann jeder ausprobieren: Man fotografiere eine Person einmal aus der Froschperspektive, einmal aus der leichten Vogelperspektive und schaue wie diese Person auf dem Bild wirkt.) Schwarz-Weiß-Fotos mit hohem Kontrast werden in der Reportagefotografie immer noch sehr gern genutzt, dabei hat schon diese kleine Bearbeitung einen enormen Einfluss auf die Bildwirkung (siehe Diashow). Es liegt nicht einmal alles in Fotografenhand: Selbst der Kontext eines Bildes beeinflusst dessen Wirkung. Trotzdem muss es eine Grenze geben, die irgendwo zwischen leichter Kontrastanpassung und Fotomontage liegt. Nur wer soll sie finden und festlegen?

 

Masse wird zum Qualitätskriterium

Auch wenn es keine objektive Wirklichkeit gibt, so sind offensichtliche Verzerrungen der Wirklichkeit schnell entdeckt. Aus der schieren Masse an Nachrichtenbildern eines Geschehens entsteht ein völlig neues Qualitätskriterium. Es bringt nichts, ein Bild aufwendig zu bearbeiten, zu montieren und zu verändern, wenn es von dem Motiv auch noch unzählige andere Bilder aus anderen Perspektiven gibt, die (gerade im Nachrichtensektor) schon wenige Minuten nach dem Entstehen in den Redaktionen liegen. Insgesamt ist also nicht alles schlecht an den neuen Möglichkeiten in der Fotografie, die teilweise nur scheinbar neu sind. Eine kritische Auseinandersetzung ist dennoch nötig und Erkenntnisse müssen ständig neu bewertet werden. Vielleicht werde ich das an dieser Stelle zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal tun.