Was denken die Menschen in China tatsächlich über uns Deutsche? Und umgekehrt? Während bei uns eine ambivalente Haltung nicht zuletzt aus mangelnder Kenntnis über das Land, aber auch wegen kritischer Medienberichte vorzufinden ist, herrscht umgekehrt höchster Respekt vor und großes Interesse an unserem Land. Grund genug für so manches Missverständnis.

In Gesprächen mit deutschen Wirtschaftsvertretern, in Firmentrainings über China oder im Alltag begegnet mir immer wieder die Frage, wie wir auf Chinesen wirken und wie Chinesen über uns denken. Sie wird häufig gleichzeitig gestellt mit der Frage, wieso der Umgang mit chinesischen Geschäftspartnern und Mitarbeitern so kompliziert ist.

Kompliziert deshalb, weil Chinesen als unfreundlich und unnahbar wahrgenommen werden. Man bleibt sich fremd, weil die Chinesen nicht sagen würden, was sie denken, heißt es. Sie würden gern viel wissen, kopierten dann das deutsche Know-How, seien unkreativ und es fehle ihnen an Innovationskraft. Diese Negativ-Liste ließe sich ergänzen, häufig mit weiteren eher negativ geprägten Assoziationen, die viele Deutsche mit Chinesen verbinden. Selbst die chinesischen Tischmanieren sind für manch einen gewöhnungsbedürftig.

Eine weitere Frage ist, ob man überhaupt nach China fahren solle, um sich ein eigenes Bild von den Umständen zu machen. Man habe ja schon viel von der Aufbruchsstimmung und Dynamik gehört, die dort vorherrsche. Dies ändere allerdings nichts daran, so wird betont, dass man sich bereits seine Meinung über China gebildet habe.

Woher kommen diese Vorbehalte und Irritationen? Wodurch werden sie genährt? Eine mögliche Erklärung ist, dass wir mit zunehmender Wirtschaftskraft Chinas und nach rund 35 Jahren Reform- und Öffnungspolitik in der Kooperation mit Chinesen erwarten, dass wir uns immer mehr annähern. Wir tappen automatisch in die sogenannte Ähnlichkeitsfalle, die unterstellt, dass wir alle nach gleichen, universellen Werten streben und sich die Gegensätze durch Mega-Trends wie die Globalisierung, Urbanisierung und Individualisierung verwischen und sich unsere Lebenswelten angleichen. Wir unterstellen folglich, dass sich die Chinesen uns anzunähern haben, an unsere Vorstellungen, Verhaltensweisen und wirtschaftlichen Grundmaxime. Und es irritiert uns, wenn chinesische Kunden, Konsumenten und Kollegen dies ganz offensichtlich nicht tun.

Quelle: Spiegel Online, Apple in Shanghai: Viele Chinesen machen sich über die Vorwürfe lustig, 02.04.2013
Quelle: Spiegel Online, 02.04.2013

Die Huawei Studie – ein Blick in die Kiste der Vorurteile und Bilder voneinander

Huawei Technologies ist das größte Privatunternehmen und einer der weltweit führenden chinesischen Anbieter von Informationstechnologie und Telekommunikationslösungen mit einer Deutschlandzentrale in Düsseldorf. Huawei hat Ende 2012 eine aktuelle Studie in enger Kooperation mit TNS Infratest in Auftrag gegeben, die vor Kurzem veröffentlicht wurde. DieHuawei-Studie beleuchtet unser Chinabild aus Sicht der Bevölkerung, der Wirtschaftsentscheider und Politiker und umgekehrt das Deutschlandbild aus chinesischer Sicht empirisch und belegt unter anderem das ambivalente und polarisierende Verhältnis der Deutschen zu China.

Sie zeigt, dass der Austausch mit China sich zwar längst intensiviert hat, jedoch noch nicht zu tiefer gehenden Kenntnissen des Landes bei uns führte. So geben nur 21 Prozent der Wirtschaftsentscheider und 16 Prozent der Politiker an, China gut bzw. sehr gut zu kennen. Die deutsche Bevölkerung war noch weit zurückhaltender. Jeder Fünfte gibt sogar an, keinerlei Wissen über China zu haben.

Huawei-Studie Huawei-Studie 2013 zum Verhältnis Deutschland und China

Ausbaufähige Basis für mehr gemeinsamen Erfolg

Es überrascht, dass nur acht Prozent der Befragten ihr Chinawissen für gut halten. Dies sind dann auch diejenigen, die bereits über nennenswerte Erfahrungen vor Ort verfügen. Generell steigen der Kenntnisstand und das Interesse nach eigenen Angaben mit persönlichen Erfahrungen durch Aufenthalte vor Ort.

Noch mehr überrascht jedoch, dass trotz dieser Zahlen jeder Dritte angibt, großes oder sehr großes Interesse an China zu haben. Jeder zweite Deutsche ist grundsätzlich an China interessiert. Immerhin ein Drittel kann sich vorstellen, für ein chinesisches Unternehmen zu arbeiten. Sogar 16 % der Deutschen wünschen sich, perfekt Chinesisch zu beherrschen. Im Grunde eine gute Ausgangsbasis für mehr Verständnis zwischen den Kulturen. Doch es braucht Zeit und professionelle Unterstützung, um dieses aufzubauen. Die Praxis zeigt aber, dass bei Projekteinsätzen vor Ort oder Entsendungen immer noch zu wenig Zeit für den Aufbau von interkultureller Chinakompetenz eingeplant wird. Einmal vor Ort, sind die zeit-gleichen Anforderungen an Fach- und Führungskräfte neben der Anpassung an ein ungewohntes Arbeits- und Lebensumfeld immens.

Dabei gilt es außerdem zu beachten, dass es einen signifikanten Einfluss einer effektiven, länderübergreifenden Kommunikation von Mitarbeitern auf Umsatz, Marktanteil und operativem Ergebnis gibt. Das belegt erstmals die jüngste Studie der anerkannten EIU (Economist Intelligence Unit). Zwei Drittel der Befragten aus Unternehmen geben zu, dass ihre Expansionspläne durch kulturelle Faktoren bzw. Unterschiede in der interkulturellen Kommunikation und von den lokalen Gepflogenheiten in China wesentlich beeinträchtigt werden. Nur für Russland werden diese Schwierigkeiten sogar noch etwas gravierender eingestuft (89 Prozent). Interkulturelle Kompetenz wird somit auch messbar zu einer entscheidenden Schlüsselqualifikation.

 EIU Study, Competing across borders, 2012, S. 10

Zwischen Bewunderung und Sorge

In der Huawei-Studie nennen die befragten Deutsche eher positive Aspekte über China wie „wirtschaftlicher Erfolg“, „chinesisches Essen“, die „Chinesische Mauer“ und „Riesenreich“ im gleichen Atemzug mit negativen Attributen wie „Missachtung von Menschenrechten“, „Diebstahl von Ideen“, „Diktatur“ und „Billigprodukte von minderer Qualität“. Die reiche Kunst, Kultur und Geschichte Chinas werden von 98 Prozent positiv hervorgehoben, auch wenn Detailwissen fehlt. Als Grund hierfür werden insbesondere die deutschen Lehrpläne genannt, die China kaum behandeln.

Chinese companies raise their game
Chinese companies raise their game

Beim Thema Wirtschaft herrschen sowohl Bewunderung als auch Sorge vor einer Bedrohung durch die aufstrebende Wirtschaftsmacht vor. Die Konsequenzen aus dieser Entwicklung können wir nur schwer einschätzen. Unter anderem kursiert die Annahme, dass ganze Industrien und Arbeitsplätze durch die zunehmende chinesische Konkurrenz und ihre günstigen Produkten bedroht sind. Bestes Beispiel: Solarenergie. Andererseits eröffnen sich durch die jüngsten Investitionen in deutsche Unternehmen bessere Absatzchancen in China und der Standort Deutschland wird gestärkt. Es wird, im Gegensatz zum Shareholder Value Ansatz, auch ein langfristiges Denken auf chinesischer Seite mit positiven Auswirkungen auf deutsche Unternehmen unterstellt.

Je enger der konkrete Bezug der Befragten zu China, desto stärker sehen sie auch die Chancen, die China für Deutschland bietet. Wirtschaftsentscheider erreichen mit 62 Prozent deutlich höhere Werte als die Bevölkerung mit 45 Prozent. Diese Werte erhöhen sich nochmals, wenn die befragten Personen China gut kennen. Dennoch werden von allen Gruppen Chinesen eindeutig stärker als Bedrohung wahrgenommen.

Impressionen aus China

China – zu vielseitig für jedes Klischee

Die in der Studie vorgenommene Medienanalyse belegt eine kritische Haltung und Fokussierung der Medien auf wiederkehrende Themen, die sicherlich das Chinabild derjenigen beeinflusst, die kaum Berührungspunkte mit dem Reich der Mitte haben. Weiter heißt es, dass die Deutschen China und den Chinesen mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Wobei es so aussieht, dass die Tonalität der Wahrnehmung bei den befragten Politikern am negativsten und bei den Wirtschaftsentscheidern am positivsten zu sein scheint. So verwundert es nicht, dass jeder zweite Entscheider mit den Geschäftsbeziehungen zufrieden ist. Ein Drittel äußert sich allerdings neutral. Die Hälfte aller Medien-berichte bezieht sich auf die Wirtschaftsmacht China, gefolgt vom Thema Menschenrechte. Insgesamt sind nur 22 Prozent der Artikel in der Mediaanalyse als positiv einzustufen. 36 Prozent sind neutral formuliert, die restlichen 42 Prozent haben (eher) eine negative Tonalität.

Dies zeigt auch die Berichterstattung am Beispiel von M & A-Aktivitäten chinesischer Unternehmen, die in Deutschland vor allem Interesse am Maschinenbau und an der Automobilindustrie haben, mit Formulierungen wie „Kauft China die halbe Welt auf?“, „Ihren Hunger nach Hidden Champions haben die aufstrebenden Chinesen längst nicht gestillt“, „Aufholjagd“ oder „Übernahmewelle auf deutsche Mittelständler zurollt“. China ist in 2011 zu Deutschlands größtem Auslandsinvestor noch vor den USA, Schweiz und Frankreich aufgestiegen. Deutschland ist in Europa der attraktivste Standort, dies ist doch eine bemerkenswert positive Ausgangsposition für unsere weitere Zusammenarbeit.

Der niedrige Reputationswert Chinas in der Huawei-Studie bezieht sich vor allem auf die emotionalen Komponenten Sympathie und Vertrauenswürdigkeit. Auf der rationalen Ebene Welteinfluss und Innovationskraft punktet China bei den Deutschen mit einer höheren Reputation.

Insgesamt stellt die Studie fest: „China ist also zu groß und zu facettenreich, als dass man das Land, seine Bewohner, die Wirtschaft oder die Politik mit wenigen Worten oder Bildern treffend beschreiben könnte.“ Wie gut können wir also mit Grautönen statt mit Schwarz-Weiß-Zuschreibungen umgehen? Können wir die Widersprüche, die dieses große Land kennzeichnen – und mich seit über 25 Jahren faszinieren – akzeptieren, ohne sie immerzu zu polarisieren?

Zur Partnerschaft von Deutschland und China gehören offensichtlich so manche Vorstellungen, Vorbehalte und Erwartungshaltungen, die es zu hinterfragen gilt. Immerhin bestimmen unsere unterbewussten Überzeugungen und Einstellungen, wie unsere Begegnung miteinander verlaufen wird. Sollen sich die Beziehungen positiv entwickeln, wäre es also gut, sich ihrer bewusst zu werden, Stereotypen und Vorurteile aufzudecken und zu entkräften. Nur so kann eine Begegnung miteinander positiv verlaufen und zu einem besseren Verständnis füreinander führen.

Medienimpressionen aus China
Medienimpressionen aus China

Positives Deutschlandbild in China

Nun zur chinesischen Seite. Wie sehen uns die Chinesen? Die Antwort ist vielleicht für manch einen überraschend: Insgesamt sehr positiv. Das Bild ist weitaus homogener. Genau wie Chinesen sehr konkret denken, ist ihr Deutschlandbild auch viel konkreter. Man assoziiert deutsche Automarken, Siemens, Adidas und Nivea. Die Fußball-Bundesliga erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Jeder zehnte Befragte nennt das Thema Geschichte – hier vor allem den Zweiten Weltkrieg und die Wiedervereinigung. Die deutsche Politik wird positiv bewertet.

Auf nach Deutschland
Auf nach Deutschland

Die große Mehrheit der befragten Chinesen finden Deutsche sehr diszipliniert und fleißig. Ergänzend könnten wir zuverlässig, ernst und korrekt hinzufügen. Das Deutschlandbild der Chinesen war lange preußisch geprägt. Meiner Beobachtung nach schätzen Chinesen an Deutschen ihre Zuverlässigkeit und die Wertarbeit von (Hightech-)Produkten, auf die man sich verlassen kann. Sie halten lange, sind robust und stabil und, sollte doch mal etwas defekt sein, gibt es einen hervorragenden Service. Für Humor und Lebensfreude sind wir jedoch (noch) nicht bekannt. Es gibt deutlich mehr bekannte Marken „Made in Germany“ als in der Huawei-Studie genannt. Wird Deutschland deshalb größer geschätzt als es tatsächlich ist? Die befragten Chinesen sehen Deutschland nur zehnmal kleiner als China. Tatsächlich umfasst China 27-mal die Fläche Deutschlands!

Nach Einschätzung der chinesischen Befragten verfügt mit 26 Prozent der Gesamtbevölkerung ein deutlich größerer Anteil über gute bzw. sehr gute Deutschlandkenntnisse. Dies ist umso erstaunlicher, als dass nur sehr wenige Chinesen einen persönlichen Kontakt zu Deutschland, geschweige denn nach Deutschland reisen können. Im Rekordreisejahr 2011 fuhren immerhin 637.362 chinesische Besucher nach Deutschland – vergleichbar mit der Zahl an privat und geschäftlich von Deutschland nach China Reisenden. Auch beim Interesse sind hohe Zustimmungen zu sehen: 39 Prozent der Befragten geben an, sich sehr für Deutschland zu interessieren. Und dies, obwohl die Befragten eine geringe Präsenz Deutschlands in den chinesischen Medien konstatieren.

Stimmen aus China
Stimmen aus China – Der Blog der Asienstiftung

Huwai-Studie

Die Huawei-Studie zielt darauf, einen Beitrag zum gegenseitigen Kennenlernen der Kulturen sowie zu einer Versachlichung und Intensivierung der deutsch-chinesischen Beziehungen zu leisten. So lassen sich aus ihren Ergebnissen noch viele weitere Schlüsse und Querverbindungen ziehen. Ein guter Anfang ist gemacht, denn die Studie soll jährlich aktualisiert werden. Und vielleicht ergibt eine fortlaufende, qualitativere Auswertung insbesondere der Interviews ein vielschichtiges Stimmungsbild beider Nationen, offenbart die kulturellen Treiber und ihre Hintergründe und führt insgesamt zu einem besseren gegenseitigen Verständnis. Die 120-seitige Studie ist übrigens frei im Internet verfügbar.

 

In eigener Sache

Was sonst bei den interkulturellen Besonderheiten im Umgang mit chinesischen Geschäftspartnern zu beachten ist, vermittle ich gern in individuellen Vorträgen, einer maßgeschneiderten Beratung oder in einem an Ihre Ziele angepasstem China-Kompetenztraining oder Coaching. Genauso gilt mein Fokus der Vermittlung der kulturellen Besonderheiten und Gepflogenheiten im Umgang mit deutschen Geschäftsleuten.

 

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China-Expertin Isabelle HansenChina-Expertin Isabelle Hansen

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