Krisenmanager und Paartherapeuten

Da bekommt man seine erste eigene Kolumne, und dann weiß man zunächst gar nicht recht worüber man schreiben soll; verzweifelt versucht man seine ersten Zeilen aufs Papier zu bekommen. Soll ich mich jetzt erst einmal vorstellen? Zumindest kurz? Nein ich glaube nicht, Ihr lernt mich mit der Zeit schon kennen. Ich spreche Euch übrigens mit „Du“ an. Komisch, weil Stefan Bornemann Euch siezt? Ich will ja eh keine Geschäfte mit Euch machen. Daher ist es völlig unnötig, diese kleine, in anderen Fällen durchaus sinnvolle, Bastion der Unpersönlichkeit aufrechtzuerhalten. Ich möchte nur monatlich einen Text liefern, in dem Ihr etwas Amüsantes und Interessantes lesen könnt, einfach nur zur Auflockerung. Ich darf Euch aber auch mal anpflaumen, wenn ich schlechte Laune habe; ich bin jetzt Kolumnist, ich darf alles. Und dafür eignet sich das „Du“ einfach viel besser. Mit dem „Du“ kann man den Leser viel direkter treffen, egal ob man ihn persönlich kennt oder nicht. Perfide oder? Ja, man muss heutzutage mit allen Wassern gewaschen sein, wenn man sich in diesem Business behaupten möchte, ganz wie bei Euch.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Mir ist letztens übrigens aufgefallen (der Gedanke kam mir so überraschend, wie ich ihn Euch an dieser Stelle präsentiere), dass sich Paar(Beziehungs)therapie und Krisenmanagement gar nicht unähnlich sind. Im Grunde genommen ist Paartherapie ja auch nichts anderes als Turn-Around-Management, nur dass die psychologische Komponente einen höheren Anteil hat. Der Turn-Around-Manager arbeitet dann doch eher anhand der Zahlen, versucht das Unternehmen mit rationalen, klugen Entscheidungen aus der Krise zu führen. Aber könnte man nicht auch nach einem anderen Ansatz arbeiten? Denn wie wir ja alle wissen, ist der Grund fast jeder Krise ein Zwist zwischen Stakeholdern, ergo ein Streit zwischen Personen oder Gruppen von Personen. Und so ein Streit hat natürlich eine starke psychologische Komponente, da bin ich mir sicher. Daher würde ich vorschlagen, dass die Beteiligten des Krisenmanagements sich auch einer Paartherapie unterziehen müssen, um den Krisenursprung, den Streit, auch auf der persönlichen Eben begraben zu können. Sonst geht der ganze Spaß doch nach der erfolgreichen Krisenbewältigung wieder von vorne los. Daher mein Tipp: Krisenmanager dieser Welt, holt euch einen Paartherapeuten zur Verstärkung an eure Seite, so steigt die Erfolgsquote.

Krisenmanagement bei aktuellen Großprojekten; Burhard Mohr bei www.cicero.de

Schaut man sich ein paar aktuelle Krisenprojekte der letzten Jahre an, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, und der schöne Flughafen in Berlin, erkennt man direkt einige weitere tiefliegende Probleme des Managements, die sich scheinbar durch viele Unternehmen ziehen. Auch hierfür würde ich Sitzungen einberufen, die gewisse Lektionen beinhalten:

Lektion 1: Kalender lesen!

Vielen Aufsichtsräten scheint es bei größeren Projekten schwer zu fallen, vom Jahr der Planung, über die Ausführung bis zum Abschluss hin Datierungen vorzunehmen. Die Fehler sind eklatant, oft sind recht schnell schon Korrekturen von mehreren Jahren nötig. Das lässt darauf schließen, dass sich irgendwer einfach verzählt hat. Man kennt das ja selbst, unscharfe Formulierungen wie „von 2002 bis 2010“, „von 2002 bis einschließlich 2009“, „zwischen 2001 und 2011“ führen zu Verwirrungen. Das ist im Grunde kein komplexes Problem, man muss es nur angehen.

Lektion 2: Zahlen überschlagen!

Das Problem ist ähnlich simpel: Kosten müssen fast immer nach oben korrigiert werden, manchmal in Milliardenhöhe. Fragt mal in der Schule wodurch solche Abweichungen in der Regel entstehen: Null vergessen, Komma falsch gesetzt. So etwas passiert, wenn man sich ganz auf seinen Taschenrechner verlässt, ohne im Kopf noch einmal zu überprüfen. Deshalb würde ich über den Zeitraum eines Krisenmanagements auch immer einen Kopfrechenwettbewerb unter den Beteiligten veranstalten, damit das Überschlagen von Zahlen wieder trainiert wird und die Alarmglocken angehen, wenn mal wieder eine Taste auf dem Taschenrechner falsch gedrückt wurde. Man muss eben mit allen Wassern gewaschen sein.

Lektion 3: Geduld!

Geduld fehlt fast immer. Schönstes Beispiel: Die Bundesliga. Läuft es bei einer Mannschaft schlecht, ist auch hier Krisenmanagement gefragt. Ich muss ja zugeben, allzu viel Ahnung von Fußball habe ich nicht. Aber eins kann ich mit Sicherheit sagen: Wenn eine Mannschaft seit Monaten grottenschlecht spielt, dann ein Trainerwechsel erfolgt, und der neue Trainer nach drei Wochen gehen muss, weil er die Mannschaft nicht aus den Abstiegsrängen geholt hat, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Statistisch ist übrigens bewiesen, dass Trainerwechsel in der Saison nichts bringen!

Lektion 4: Lieber ehrlich distanziert als unehrlich „best-friends“!

Ich kenne das ja nur zu gut aus der Medienbranche. Ich habe mal eine Führung bei einer der größten und besten PR-Agenturen gemacht, die so gibt. Die nette, junge Dame führte uns durch dieses unglaublich imposante Gebäude und erzählte uns etwas über die Agentur: „Also wir sehen und bezeichnen uns hier ja als Family. Bei uns duzt jeder Jeden. Wir verstehen uns alle total super und es ist wirklich jeder Mitarbeiter Teil einer Gemeinschaft.“ BULLSHIT! Jeder weiß unter welchem Druck in dieser Branche gearbeitet wird. Es ist ein Augenauskratzen ohnegleichen, denn Aufstiegschancen sind rar und die Mitarbeiterfluktuation viel höher als in der Industrie. Du hast seit zwei Monaten keine starke Idee mehr geliefert? Ciao! Ich hasse diese scheinheilige Freundlichkeit und sie führt meiner Meinung nach zu nichts, außer dazu, dass hinter dem Rücken noch viel mehr gelästert wird. Denn wenn alle Kollegen den „best-friend“ raushängen lassen, obwohl Ellenbogen nötig sind, um weiter zu kommen, wem kann man dann noch vertrauen?

Lektion 5: Krisen PR!

Ehrlichkeit innerhalb des Unternehmens fällt ja schon schwer in Krisenzeiten. Ehrliche Krisen-PR fällt noch viel schwerer. Dabei hat sich doch schon oft gezeigt, dass man nur mit Ehrlichkeit punkten kann. Ich möchte da gar nicht viel zu erklären. Wie es nicht geht zeigen BP und TEPCO. Ach ja: Mitarbeiter sollten nicht in der Zeitung erfahren, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren!